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Anatomie
Das
letzte Jahrzehnt deutscher Kinematografie hat gezeigt, dass es sehr viel leichter
ist, den Autorenfilm zu verspotten, als ihm Filme, die sowohl marktgängig
als auch intelligent sind, entgegenzusetzen. An der Marktgängigkeit, wie
auch am Handwerk, hat es dabei meist nicht gefehlt. Die auf Professionalität
setzenden Filmhochschulen (München, Ludwigsburg) haben professionelle Filmemacher
produziert, die aber in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit wie auch in ihren
Ideen und Fantasien wenig Genauigkeit und Originalität entwickelt haben.
Stefan
Ruzowitzky, der mit dem eigenwilligen Heimatfilm DIE
SIEBTELBAUERN
hatte aufhorchen lassen, erweist sich mit ANATOMIE nun als von deutlich anderem
Schlag. Als ihm das Produzentenduo Claussen/Wöbke (NACH FÜNF IM URWALD,
23) vorschlug,
einen Horrorfilm zu drehen, schrieb er begeistert ein Drehbuch und verfilmte
es. Autoren-Themen wie Nazi-Vergangenheit oder ethische Fragen (Medizinexperimente,
Plastination) sind, ohne alle Überhänge von 'Botschaft', genrefiziert,
Vehikel des Funktionierens des Films; heftige Schläge in die Magengrube,
aber kein Zeigefinger.
Auf
dem angepeilten internationalen Niveau bewegt sich Ruzowitzkys ANATOMIE stilsicher
zwischen, um zwei Markierungen zu geben, SCREAM und TESIS. Das Universitäts-Milieu,
die Drastik der Effekte, der Rückgriff auf straight eingesetzte Horror-Momente
erinnern an Amenabars kleines, etwas ungeschlachtes Meisterwerk, während
der bitterböse Humor, der manchmal ein wenig überhand zu nehmen droht,
an die neueren amerikanischen Entwicklungen erinnert - unter Verzicht allerdings
auf das mittlerweile zu Tode gerittene Moment expliziter Selbstreferentialität.
Der
gelungenste Horror-Effekt in ANATOMIE ist ein klaustrophobischer: die immer
wieder in Bilder und Handlung (als Unfähigkeit zur Handlung) umgesetzte
Erkenntnis der Opfer, halb oder ganz gelähmten Körpers zwei an ihnen
herumschnippelnden Irren ausgesetzt zu sein. Ruzowitzky hat sich entschieden,
hier nicht zu splattern, sondern die Kamera aufs Gesicht der Opfer zur richten.
Der Horror von langsamem Begreifen und Zwangsläufigkeit des Geschehens
geht den Figuren an und dem Zuschauer unter die Haut. In der so aufgetanen Phase
zwischen Aktivität und Tod, in einem Dazwischen der Hilflosigkeit und des
Entsetzens, hat der Schrecken des Films seine tiefste Wirksamkeit. Alle anderen
Horror-Elemente sind kompetent umgesetzt, nicht mehr, nicht weniger, in der
Umsetzung dieses Moments der Auslieferung aber zeigt Ruzowitzky wahre Klasse.
Ekkehard
Knörer
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Anatomie
Deutschland
- 1999 - 99 min. - Scope
Horrorfilm, Psychothriller
FSK:
ab 16; nicht feiertagsfrei - Verleih: Columbia TriStar - Erstaufführung:
3.2.2000 - Fd-Nummer: 34095 - Produktionsfirma: Claussen + Wöbke Filmprod./Deutsche
Columbia Pictures Filmprod.
Produktion:
Jakob
Claussen
Thomas
Wöbke
Andrea
Willson
Regie:
Stefan
Ruzowitzky
Buch:
Stefan
Ruzowitzky
Kamera:
Peter
von Haller
Musik:
Marius
Ruhland
Schnitt:
Ueli
Christen
Darsteller:
Franka
Potente (Paula)
Benno
Fürmann (Hein)
Anna
Loos (Gretchen)
Sebastian
Blomberg (Caspar)
Holger
Speckhahn (Phil)
Traugott
Buhre (Prof. Grombeck)
Rüdiger
Vogler (Paulas Vater)
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