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Babylon
A.D.
Dieser
Mann ist kein Veganer
Vin Diesel spielt in Mathieu Kassovitz'
"Babylon A.D." den brutalen Söldner Toorop, der sich mit einer
schönen Dame im Gepäck nach New York durchschlägt.
Ein Mann und sein tägliches Steak,
darum geht es in diesem Film. In der Welt, in der er spielt, irgendwo im Osten,
in einer der ehemaligen russischen Republiken, einer Welt, die gar nicht weit
entfernt ist von unserer heutigen, nur ein klein wenig hineingeschoben in eine
absehbar katastrophale Zukunft, wird dieses Steak zur echten Bewährungsprobe.
Auf dem Markt gibt es natürlich Versorgungsengpässe aller Art, man
muss sich wappnen, wenn man sich hinunterwagt in die Straßen, wo es wurlt
von mieser Prellerei und brutaler Kriminalität, und wenn man in seinem
finsteren Appartement zurück ist, muss man die Tür hinter sich mit
dicken Schlössern sichern. Es nützt Toorop aber alles nichts, dem
illusionslosen, aber noch nicht zynischen Söldner, verkörpert von
Vin Diesel, denn der Gangsterboss Gursky lässt ihn nach den ersten Bissen
vom Esstisch holen, durch einen von Toorops Kollegen, der es mit ihm in keiner
Weise aufnehmen kann an Härte und moralischer Integrität. "Was
machst du denn hier", brummt Toorop ihn an, "ich dachte, du wärst
im Sudan, Babys killen ..."
Gursky hat einen Auftrag für Toorop,
er soll das Mädchen Aurora - Mélanie Thierry - aus einem Kloster
in den Bergen nach New York bringen, dort soll sie, die irgendwie begnadet ist,
ihre Aufgabe erfüllen in einer religiösen Sekte, mit Charlotte Rampling
als Hohepriesterin. Für Toorop soll dabei eine neue Identität herausspringen,
in der Neuen Welt. Außerdem wird Gursky gespielt von Gérard Depardieu,
ganz commediahaft, mit cyranesk angestückelter Nase.
Ein Guerillafilm, sagt der Regisseur,
Mathieu Kassovitz von "Babylon A.D.", ein Film, dem man ansieht, dass
intensiv um ihn gekämpft wurde. Das fing schon mit der literarischen Vorlage
an, einem dicken Bestseller von Maurice G. Dantec, "Babylon Babies",
dem ein hundertminütiger internationaler Actionfilm abgerungen werden musste.
Das Budget war natürlich um einige Millionen zu klein, und am Ende hat
dann der amerikanische Verleih den Film für seinen Markt ramponiert und
seiner sozialkritischen Dimensionen beraubt. Hat nichts übriggelassen,
so der enttäuschte Regisseur, als "pure violence and stupidity".
Kassovitz weigerte sich, für diese Version PR-Arbeit zu absolvieren.
In seinen Actionsequenzen ist der Film
eher unterbemittelt, und wenn er sich an ein Konstrukt über Gesellschaft
und Religion, Identität und Wiedergeburt wagt, steuert er sterilem
Thesenkino zu. Schön aber ist, wie er die Möglichkeiten des Roadmovies
nutzt, das heißt, immer wieder den Actiondrive ignoriert und dem einzelnen
Moment sich widmet, an das legendäre französische Comic-Magazin Métal
Hurlant erinnernd und ans große Vorbild "Blade Runner".
Ein enttäuschter Regisseur
Die Grenzstadt, wo die Verlorenen der
alten Welt auf die Passage nach New York warten, wird zum großen utopischen
Kino-Ort, ein Jahrmarkt, wo alles verhandelt und zur Disposition gestellt werden
kann, bis hin zur eigenen Identität. Wo Toorop und das Mädchen und
die Nonne, die sie begleitet - Michelle Yeoh! -, zu einem Team werden, im Zusammenspiel,
im gemeinsamen Kampf. Ich bin der delivery
boy, hat Toorop lapidar
und selbstgenügsam seine Aufgabe definiert - der Held als Lieferant, das
hat, von Ethan Edwards in den "Searchers" bis Clint Eastwood in "The
Gauntlet", eine große Tradition im amerikanischen Kino.
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der Süddeutschen Zeitung
Babylon
A.D.
USA/F
2008 - Regie: Mathieu Kassovitz. Buch: Eric Besnard, M. Kassovitz. Kamera: Thierry
Arbogast. Mit: Vin Diesel, Mélanie Thierry, Michelle Yeoh, Lambert Wilson,
Mark Strong, Jérôme Le Banner, Charlotte Rampling, Gérard
Depardieu. Concorde, 101 Min.
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