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Barton
Fink
Glauben
Sie, David Lynch ist der einzige Regisseur, der uns das David-Lynch-Gefühl
geben kann?
Selten haben die Brüder Joel
und Ethan Coen („The
man who wasn’t there“,
„Fargo“), die Meister der cineastischen
Verweise und Stile, ihr Interesse so konzentriert einem Thema gewidmet wie in
„Barton Fink“. Vielleicht naheliegend, wenn der Film doch vom kleinen Autor
in der großen Filmfabrik handelt. Dabei herausgekommen ist so etwas wie
ein travestierter Lynch in Gestalt einer Satire auf das Genre „Kulturkritik“,
einer der wenigen Coens, deren Kerngehalt durch die manischen Verspieltheiten
der Coens nicht spürbar überspielt wird und die trotzdem ein Kabinettstückchen
hintersinniger Vieldeutigkeit bleiben.
Als zu Beginn der Vierziger Jahre
der naiv-idealistische Barton Fink (John Turturro in seiner besten Rolle) mit
einem Theaterstück über „den kleinen Mann“ seinen Durchbruch am Broadway
erlebt hat, folgt er zögerlich einem Ruf nach Hollywood, wo er vom Filmtycoon
Jack Lipnick (Michael Lerner) als Drehbuchautor engagiert wird. Sprach- und
ratlos entnimmt der Bühnenautor (der offenbar noch kein Kino von innen
gesehen hat) dem Redeschwall des Produzenten, dass er das Buch zu einem profanem
Ringerfilm zu schreiben habe.
Getreu seinem Vorhaben, sich nie
von dem „Mann auf der Strasse“ zu entfernen, mietet er sich ein im „Earle Hotel“,
dessen ominöser Wahlspruch „A day or a lifetime“ lautet. In der billigen
Absteige, auf deren düsteren und zugigen Fluren nur die Schuhe der Gäste,
aber nie deren Besitzer zu sehen sind, macht er Bekanntschaft mit dem dicken
Versicherungsvertreter („Ich verkaufe Seelenfrieden“) Charlie Meadows (John
Goodman in seiner besten Rolle), weil ihn dessen verzweifeltes Lachen im Nebenraum
vom ohnehin stockendem Arbeiten abhält.
Turturro und Goodman tragen den
kammerspielartigen Film über weite Strecken mühelos alleine. Neben
ihnen agieren schwitzende Wände, die unschöne und obszöne Resonanzen
transportieren und deren Tapeten sich in der permanenten Hitze abschälen,
eine Mücke, die sich nachts von Finks Blut ernährt, die Schreibmaschine,
die nicht schreiben will, und das alles aufsaugende Weiß des Papiers,
das so leer ist wie Bartons Kopf. Dahinter: Bartons ewiger Blickfang: Das gerahmte
Foto einer Strandschönheit, den Blick aufs Meer gerichtet.
Auf der Studiotoilette trifft Barton
einen (nachdem der sich ausgiebig übergeben hat) vollendet höflichen
Alkoholiker, der sich als William P. Mayhew (John Mahoney), der „beste lebende
Schriftsteller“ den Barton kennt, entpuppt. Auch er ist inzwischen einer jener
zahlreichen Filmautoren, die man in Hollywood trifft, wenn man nur einen Stein
wirft, wie Produktionsmanager Ben Geisler es ausdrückt,- mit dem Zusatz:
„Aber tun Sie mir einen Gefallen: werfen sie hart!“ Und auch Mayhew leidet unter
Schreibhemmung.
Das Personal in „Barton Fink“ weist
Ähnlichkeiten mit Figuren der früheren Hollywoodgeschichte auf. So
scheint der Studioboss Lipnick ein Mix aus den Produzenten David Seltznick und
Louis B. Mayer, Chef der MGM-Studios, zu sein, und William Mayhew erinnert an
William Faulkner, dem Buchautor u.a. zu einem der bekanntesten Humphrey-Bogart-Filme:
„The
Big Sleep“ („Tote
schlafen fest“).
Isoliert in Bungalows mit Namensschildchen
und der Gattungsbezeichnung „Autor“ an den Türen fristet die literarische
Elite der USA in Hollywood ihr Dasein als Galeerensträflinge. Haben sie
einmal sich und ihr Talent den Studios verkauft, bleiben sie „ for a lifetime“
unter Vertrag. Audrey Tayler (Judy Davis), die aufopferungsvolle („Ich habe
ihm immer seine Drehbücher geschrieben.“) Sekretärin und Lebensgefährtin
des derangierten Mayhew versucht, Barton in seiner Not zu helfen,- am nächsten
Morgen soll er Lipnick ein Treatment präsentieren. Es bleibt aber nur bei
der ersten (sexuellen) Hilfe, denn Barton erwacht neben ihrer Leiche- und kann
sich an nichts erinnern.
Fink, inzwischen ein personifizierter
Nervenzusammenbruch, hat jetzt nur noch einen Freund, den „kleinen Mann“ von
Nebenan, den kräftigen Charlie, der (nachdem auch er sich ausgekotzt hat)
weiß, was zu tun ist. Charlie verschwindet mit der Leiche -Barton ist
unfähig, zu fragen, wohin- und kehrt zurück, um Barton um einen einzigen
Gefallen zu bitten: Er müsse wieder auf Dienstreise, und er wolle Barton
etwas anvertrauen: „Schon merkwürdig, wenn alles, was das Leben eines Menschen
ausmacht, in einen kleinen Karton passt, was?“ Fink stellt das geschnürte
Päckchen neben die Schreibmaschine. In einem einzigen Marathon hämmert
Barton nun das Drehbuch in die Maschine. Er ist der Meinung, etwas Besseres
habe er noch nie geschrieben. Da
aber Lipnick ganz anderer Meinung ist, erklärt er Fink kurzerhand, dass
er nie wieder ein Drehbuch abliefern dürfe, aber alles, was er fortan schreibt
„für immer Eigentum von Capitol Pictures“ und unter Verschluss bleiben
werde.
Nichts ist, wie erhofft. Das „künstlerisch Wertvolle“
gilt natürlich in Hollywood nichts, der eingebildete („Auch ich bin ein
Arbeiter, mein Werkzeug ist mein Verstand“) Barton wird von einem Matrosen umgehauen,
weil er seine Tanzdame nicht freigeben will, aber nun die „Navy“ dran ist, und
der nette Mann von Nebenan, Charlie Meadows („Manchmal vergesse ich mich wirklich!“),
ist der gesuchte Serienmörder Karl Mundt, auch „Mörder-Mundt“ genannt.
Mit den Worten „Ich
zeig’ euch den wahren kreativen Geist!“ und „Heilhitler“ entflammt Charlie das
Hotel. Ein Streichholz braucht er nicht. Symbolträchtige Überzeichnungen
kippen ins reine Symbol. Zeitgleich findet der Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg
statt, und Lipnick, der sich sofort als Freiwilliger gemeldet hat, hat sich
von der Kostümabteilung (wie Göring) eine Phantasieuniform schneidern
lassen, bis die offizielle Uniform eintrifft. Für Lipnick ist alles, auch
der Krieg, ein Film, und jede Handlung eine Pose: Hollywood.
Nur Charlie, der Verkäufer
von Seelenfrieden, kennt die „kleinen Leute“, und zwar so gut, dass er sie von
ihrem traurigen Dasein erlöst, indem er sie buchstäblich von ihren
Köpfen befreit. Barton Fink, der selbsternannte Erfinder des „Theaters
der Wahrheit“ kann die Wahrheit nicht kennen, weil er nie zugehört hat,
wenn Charlie, mit dem Flachmann winkend, ihm anbot: „Ich könnte dir Geschichten
erzählen...“ Hollywood verkennt den Künstler, aber der Künstler
selbst ist sich zu schade für die Realität. All das ist eigentlich
Stoff eines gesellschaftskritischen Stücks, aber die Coens kennen das tragische
Genre im Kino, so dass sie Spass daran haben, dessen kalkulierte Methoden mit
skurillen und ironischen Überzeichnungen zu unterlaufen und zu demaskieren.
So sehr den Coens -zum Teil sicher
berechtigt- immer wieder postmoderne Beliebigkeit nachgesagt worden ist, in
„Barton Fink“ dient die Beherrschung der Methode, über die gelungene Kopie
hinaus, der Wahrheitsfindung, denn, wenn sie hier Maskierungen hervorheben,
heben sie sie auch ab von dem Rest, der Substanz. In ihrer Geschichte über die ausbeuterischen Praktiken
des wahren Hollywood steckt zugleich auch die Enttarnung des klischeehaften
Hollywoodpathos. Das macht die Satire „Barton Fink“ auf doppelte Weise aufklärerisch.
Neben Robert Altmans „The Player“ und dem (natürlich rätselhaften) „Mulholland Drive“ von David Lynch ist “Barton
Fink” eine der beißendsten Abrechnungen mit Hollywood und dessen Ausdrucksmitteln.
Er ist ein kritisch-vernarrter Blick auf das Produkt und ein böser Blick
in das Getriebe der Maschine.
Wenn Lipnick den Satz: „Glauben Sie, Sie
sind der einzige Autor, der uns das Barton-Fink-Gefühl geben kann?“, ausspricht,
dann bringt er (im Film vierzig Jahre verfrüht) eine Kernthese der Postmoderne
auf den Punkt. Der „Tod des Autors“, Dauerthema der postmodernen Literaturwissenschaft,
in „Barton Fink“ wird er uns plastisch vorexerziert. Jeder Stil ist schon einmal
dagewesen, und alle Kunst bedient sich aus dem Fundus des Vorhandenen. Autonome
Originalität und Individualität sind im Jargon der Postmodernen Theorie
illusionär. Hat Lipnicks Satz im Film noch einen zynischen, da vom Raubtierkapitalismus
diktierten, Beiklang, wird er von den Coens selbst mit entwaffnender Beiläufigkeit
filmisch bewiesen. Sie kopieren
und persiflieren nicht nur das „sozialkritische Drama“, genüsslich weiden
sie auch die Bildersprache eines David Lynch aus. Wenn die Kamera in „Blue
Velvet“ in ein abgeschnittenes
Ohr taucht und es als Pforte zur Unterwelt enthüllt, folgt sie in „Barton
Fink“ dem Weg des Erbrochenen ins alles verschlingende Abflussrohr. Offen bleibende
Fragen, surreale Elemente, aberwitzige Anspielungen, regen, wie bei Lynch, die
Hirntätigkeit an. Der Verdacht eines verborgenen Codes nagt am Zuschauer,
und wenn er nicht ganz zu knacken ist,- umso besser. Das Geheimnis, das Ungesagte,
gibt einem Film oft dessen größte Kraft, solange sich diese Methode
nicht zum Selbstzweck macht. Und „Barton Fink“ ist so reich an treffenden Reflexionen,
dass der Verdacht auf fehlende Substanz kaum Nahrung findet. Und doch bleibt
der Zuschauer irritiert, ahnend, dass vielleicht selbst die geheimnisvolle Symbolsprache
nicht von der beissenden Coenschen Ironie verschont geblieben ist. Aber ist
der Nachweis einer Finte kein Nachweis?
.
Barton, nun auf ewig Eigentum der
Filmgesellschaft, trägt seine letzte Habe an den Strand: Das Paket. Vor
ihm eine Strandschönheit. Sie fragt: Was ist in dem Karton? Er antwortet:
Ich weiß es nicht. Die Frau wendet sich zum Meer, die Szene wird zu der
auf dem Foto hinter der Schreibmaschine. Der Karton ist genau kopfgroß.
„Barton Fink“ birgt
eine schaurig-amüsante, doppelbödige Verrätselung mit exakt wünschenswerten
Proportionen...
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
(Barton
Fink)
USA,
1991, 35 mm, Farbe, 116 Min.
Regie:
Joel Coen; Buch: Ethan Coen, Joel Coen; Kamera: Roger Deakins; Schnitt: Roderick
Jaynes; Musik: Carter Burtwell
Darsteller:
John Turturro (Barton Fink), John Goodman (Charlie Meadows), Judy Davis (Audrey
Tayler), Michael Lerner (Jack Lipnick), John Mahoney (W.P. Mayhew), Tony Shalboub
(Ben Geisler), John Polito (Lou Breeze), Steve Buscemi (Chet)
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