BATMAN FOREVER
Nach BATMAN und BATMANS RÜCKKEHR hat sich der amerikanische
Volksheld erstmals im Alltag festgesetzt. Regisseur Joel Schumacher
verließ die Welt der ostentativen Fiktion, nämlich das Studio-Ghetto
von Gotham City, und versah die bislang einwandfrei linear-grafischen
und eher schlichten Charaktere der Batman-Familie mit zusätzlichen,
widersprüchlichen, gar attraktiv-menschlichen Zügen. Gedreht wurde
erstmals auch, und das deutlich, on location. So fährt das im übrigen
völlig neu konstruierte Batmobil auf den realen Straßen Manhattans
vom Exchange Place zur Gold Street, wobei ihm architektonische
Reverenz erwiesen wird durch überdimensionale Denkmäler, die
gigantische Perspektiven eröffnen, auch quillt und dampft es farbig
aus der Kanalisation, denn New York ist bekanntlich ein besonders
lebendiger Organismus. Das Ritz Gotham Hotel findet seine wahre
Fassade jetzt beim realen Smithsonian Museum of the American Indian,
und wenn die Doppel-Identität Batman (neu: Val Kilmer) als
Businessman Bruce Wayne sein Bürogebäude betritt, durchschreitet er
den Eingang des "Webb Institut of Naval Architecture" auf Long
Island. Riddler, sein Gegenspieler, hat dagegen seine teuflische
Fertigungsanlage inmitten einer funktionierenden Ölraffinerie in
Carson City, Kalifornien, aufgebaut. Von der Beaux Arts- bis zur
Industriearchitektur durcheilt BATMAN FOREVER eine baulich
anspruchsvolle Welt, und die bis dahin dominante
Gotham-City-Studiokünstlichkeit ist zu einer neuen und stark
verkleinerten Ausgabe zusammengeschnurrt, dazu vorsätzlich im Rechner
verfremdet. Sie wirkt eher als Zitat der vorhergehenden Filme. In
BATMAN FOREVER steht nunmehr dem Helden die Welt offen, darum kann
der populäre CNN-Moderator live über ihn berichten, samt CNN-Logo:
genauer: CNN beglaubigt die Realität des neuen Batman für alle
Ewigkeit. Auch die vielen Komparsen tragen dazu bei. Das Casting hat
streng darauf geachtet, Profis zu vermeiden. So sieht man statt
Routiniers mit Filmerfahrung eine Fülle merkwürdigster Charaktere mit
Lebenserfahrung. Der Blick bleibt haften, das Klima ist geschaffen,
sich mit dem Menschen Batman zui dentifizieren und als Filmbesucher
zu den 150 Millionen Dollar beizutragen, die der Film bisher
eingespielt hat. Wer sich wie gehabt über den Comic-Helden Batman und
seine Spießgesellen amüsieren möchte, wird scheitern. Schade
eigentlich, aber gut fürs Geschäft. Heute können wir nicht mehr in
der fernen Comic-Welt Zuflucht suchen. Batman kommt zu uns, und zwar
mitten in die Stadt, in den Kiez, so bunt, belebt und schrill, wie
alle sich ein Zentrum wünschen und es nur an den bekannten
Volksfesttagen vorfinden. Auf, auf im Batman-Mantel in die
Megamegadisco. Leuchtfarbenbodies, Kitzel, Mief, Nähe, Intimität.
Batman ist verfügbar als jedermanns Kumpel. Batman for everybody. Aber wir haben das Wichtigste übersehen. Das Business ist ja nur
Batmans eine Seite, die Wayne-Seite. Auf der anderen ist er das
mobile Einmann-Einsatzkommando, von dem die Welt sich Rettung
erhofft. Darum tritt er in diesem Film erstmals als moralische
Instanz auf, er hat das Zeug für einen Volksführer, und die popular
culture wird im nächsten BATMAN-Film politisch werden. Darauf wette
ich. In BATMAN FOREVER trifft er als Jungunternehmer eine
verantwortungsvolle, korrekte, wenn für ihn auch folgenreiche
Entscheidung: sozusagen aus Datenschutzgründen verwirft er eine
Ultraprofit versprechende Erfindung seines genialen, aber
skrupellosen Angestellten Edward Nygma, des späteren Riddler (Jim
Carrey). Die als Prototyp zusammengebastelte Hardware erlaubt den
direkten Zugriff auf die sensorische Wahrnehmung des einzelnen
Menschen, so daß ohne den Umweg über die bislang bekannten
Empfangsgeräte wie Kinoprojektion oder TV-Apparat Bilder & Töne, aber
auch Meinungen & Befehle unmittelbar auf dem Luftwege von der
Zentrale ins Einzelhirn problemlos eingegeben werden können.
Business-Batman fragt jedoch, wer denn garantiere, daß nicht der
umgekehrte Weg eingeschlagen werde. Will Nygma/Riddler etwa
menschliche Gehirn-Energie absaugen und den Informationsstrom in die
eigene Scheuer lenken?! (Klar, daß wir später sehen, wie die Stadt
hirnlos wird. Das gelbliche Brain-Ektoplasma zieht am Himmel ins
Zentrum des Bösen, so sahen wir es auch schon in GHOST BUSTERS). Der
frustrierte Erfinder Nygma empört sich über die moralischen Skrupel
des Chefs. Als Riddler gründet er seine eigene Firma. Er wird Batmans
geschäftlicher Konkurrent und moralischer Gegenspieler (zum ersten
Mal in der BATMAN-Trilogie) und narrt ihn weitgehend erfolgreich mit
blöden Rätselsprüchen, schockierend exzentrischen Grimassen und
aufdringlich tuntigem Gehabe - all dies, um Batman als vernünftigen,
integren Vollmann erscheinen zulassen. Batman hat sich überdies, da
in BATMAN FOREVER das Verdoppelungsprinzip herrscht, mit einem
zweiten Haupt- und Erzfeind zu plagen. Zwar war der schizophrene Two
Face (Tommy Lee Jones) bereits 1954 aus den Batman-Comics entfernt
worden, jetzt aber ist er Filmhauptfigur, genauer: "sind" er Figuren,
denn er spricht von sich stets im Plural. Der Kopf von links
fotografiert: die schiere Normalität, von rechts: eine speiüble
Horrorfratze. Seine Frauen (zwei natürlich): Sugar und Spice, in
Spitzen gekleidet die eine, in Leder die andere. Auch der Raum
spaltet sich in gutes Weiß und böses Schwarz. Kostüm, Maske und
Architektur feiern bedenklich entgleisende Feste. Wir sind mit diesen
Gestalten elementar im Ja-und-nein des Comic. Grafik sagt eindeutig,
was wir sehen sollen, dürfen und müssen. Von Moral ist keineswegs die
Rede. Und da bekanntlich der Schizophrene psychologisch nicht zu
fassen ist, kriegt Batman die Doppeldoppelfeinde moralisch nicht in
den Griff. Braucht Batman Hilfe? Wer trägt den Ring auf die korrekte
Art und Weise? Die Bösen haben ihn sich durch die Nase gezogen,
während er im Ohrläppchen doch als Indiz für die legitime
Abenteuerlust eines jungen Mannes gewertet werden darf: Robin (Chris
O'Donnell) kommt ins Spiel. Auch er eine neue Figur im Batmanmythos.
Er braucht Führung, einen Freund und Partner, denn auch er ist
traumatisch verletzt, wurde er doch wie Batman Zeuge des Todes der
eigenen Eltern. Batman erwirbt mit Hilfe seiner
Harley-Davidson-Sammlung das Vertrauen des neuen Schützlings und
nimmt ihn in seine Wohnung auf. Butler Alfred (Michael Gough,
ausnahmsweise eine Besetzungskontinuität der vorangegangenen
BATMAN-Filme) serviert den morgendlichen Champagner, und Batman
taugt, wie der überragende Erfolg des Films beweist, als
Beziehungspartner für führungsbedürftige Jungmänner gleichermaßen wie
für heldenverehrende Akademikerinnen (Dr. Chase Meridian, gespielt
von Nicole Kidman): wobei letztere freilich insofern unerreichbar
bleiben, als sie Batmans Doppelleben nicht zu durchschauen vermögen
und daher wankelmütig werden. Frauen mit Wohnung und Beruf,
ausgereifte Persönlichkeiten - sie sind nichts für diesen
Film-Batman, traumatisch verletzt und gestört, wie er ist. Das
Unfertige zieht ihn hinan. Im Schlußbild fliegt er mit Jung-Robin in
den Pophimmel. Und dann wird Batman noch verbal angehimmelt: "Thank
You for giving me a new dream!" Beginnt eine neue Epoche? Nach dem
New Deal der New Dream? Das Bedürfnis ist mit
Batman-für-alle-Ewigkeit oder, sagen wir bescheidener, mit dem
tausendjährigen Batman auf profitable Weise geweckt. Auch müssen wir
anerkennen, daß der Film uns höchst raffiniert doppelt packt. Denn
anders als die heute herumreisenden Moralapostel wünscht er sich das
Reich des Bösen nicht weg, sondern ganz im Gegenteil herbei. Darum
muß, wer Batman liebt, auch das mit prallstem Leben erfüllte
Super-Stadtzentrum lieben, die schrille Rokokowelt im Sündenbabel.
Batman weckt die Lust am durchgeknallten Feiern, aber gleichzeitigen
Wunsch zu zügeln und zu strafen. Wir haben, dank Batman, beides -
Unrecht und Recht. Müssen wir uns darum auch verdoppeln? Wir doch
nicht, denn der Meister nimmt uns an die Hand und spricht: "Junge
Leute haben nur Sinn für Abenteuer; sie brauchen Ermutigung und
Führung."
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
BATMAN FOREVER USA 1995. R: Joel Schumacher. B: Lee Batchler, Janet Scott
Batchler. P: Tim Burton. K: Stephen Goldblatt. Sch: Dennis Virkler. M:
Elliot Goldenthai. T: Peter Hliddal. A: Barbara Ling. ChrisBurian-Mohr. Ko: Bob Ringwood, Ingrid Ferrin. Pg; Warner. V: Warner.
L: 121 Min. St: 3.8.1995. D: Val Kilmer (Batman/BruceWayne), Tommy Lee
Jones (Harvey Two-Face/Harvey Dent), Jim Carrey (Riddler/Edward Nygma),
Nicole Kidman (Dr. Chase Meridian), Chris O'Oonnell (Robin/Dick Grayson),
Michael Gough (Alfred Pennyorth), Pat Hingle (Police Commissioner Gordon),
Drew Barrymore (Sugar), Debi Mazar (Spice), Ed Begley Jr. (Fred Stickley)