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Chanson
der Liebe
Nur auf den ersten Blick unbeschwert
ausgefallen ist Christophe Honorés Musical "Chanson der Liebe",
unter dessen Oberfläche sich filmhistorisch mancherlei tut.
Ismael (Louis Garrel) und Julie (Ludivine
Sagnier) sind ein Paar; mit Ismaels Arbeitskollegin Alice (Clotilde Hesme) versuchen
sie der Abwechslung halber die Liebe zu dritt. Wir sehen sie gar nicht beim
Sex, sondern zum Beispiel: Sie liegen im Bett und sie lesen jede/r ein Buch.
Die Kamera schwenkt in recht naher Einstellung von links nach rechts. Julie,
Alice, Ismael: lesend. Man erkennt die Titel der Bücher: James Salters
"Un bonheur parfait" (also: "Ein perfektes Glück",
deutscher Titel: "Lichtjahre" - wobei es in dem Eheroman um ein Glück
geht, das endet), A.L. Kennedys "Volupte singuliere" (zu deutsch: "Gleißendes Glück", die
Geschichte einer wiedererlangten Liebesfähigkeit), Adam Thirlwells "Politique"
(deutsch: "Strategie", Roman einer Dreiecksbeziehung). Am Ende stellt
Isamel fest, dass die Reihenfolge nicht stimmt. Der Bücher und ihrer Titel
oder der drei Personen, das bleibt unklar. Man tauscht die Plätze. Julie,
Ismael, Alice: lesend. "Ein perfektes Glück", "Strategie",
"Gleißendes Glück". Arrangement der Körper, der Bücher,
der Titel. Eine schwierige Konstellation und all das verheißt Dinge, die
dann nicht eintreten. Oder jedenfalls: anders als man denkt.
"Chanson der Liebe" ist ein
mutiger, vielleicht sogar dreister Film. Mit seiner Dreiecks-Liebesgeschichte,
die in Schnitt, Kamerabewegung und auch erzählerisch von Abruptheit zu
Abruptheit eilt, dabei albern ist und verspielt, stellt sich Christophe Honoré
überdeutlich hinein in die Nachgeschichte der "Nouvelle Vague".
Er reklamiert, mit anderen Worten, ein Erbe. Das beginnt, aber endet nicht mit
der unablässigen Reflexivität der Bücher und Gesten und auch
nicht damit, dass sein Hauptdarsteller Louis Garrel sehr überzeugend allerlei
darstellerische Marotten und Arten und Weisen des jungen Jean-Pierre Leáud
imitiert. (Vielleicht ist er auch einfach die Reinkarnation von Leáud.
Der natürlich noch lebt - aber auch die "Nouvelle Vague" ist
ja nicht tot. Reinkarnation zu Lebzeiten, dreistes Hineinstellen in Traditionen,
das sind alles sehr schwierige Erbangelegenheiten.)
Es ist aber auch mit dem Bezug auf die
"Nouvelle Vague" - in erster Linie Truffaut, Godard - nicht getan.
Honoré borgt sich zu alledem noch Flügel des Gesangs. Und zwar nimmt
er sie sich - und macht kein Geheimnis daraus - von Jacques Demy. Wie dessen
Musikfilm "Die Regenschirme von Cherbourg" teilt sich "Chanson
der Liebe" in die drei Kapitel "Abschied", "Abwesenheit"
und "Rückkehr". Honorés Film sieht allerdings anders aus.
Der Raum, durch den er sich bewegt, ist das 10. Arondissement von Paris und
dieses Paris ist recht eng und recht kühl (es ist Winter) und die Farben
sind eher gedeckt. Und dann geht, was das wichtigste ist, durch den Film ein
tonaler Riss von einiger Radikalität. Auf den Abschied, den der Titel des
ersten Teils so unzweideutig verheißt, ist man dennoch nicht gefasst.
Die unbeschwerte Komödie, als die "Chanson der Liebe" beginnt,
nimmt man zum Nennwert - schließlich klingt schon der Titel generisch
genug. Dann trifft eine Figur und den Film und auch seinen Betrachter der Schlag.
Schwierig wird spätestens jetzt auch
das Verhältnis von Prosa der Handlung zu ihrer Stillstellung durch Musik.
Es ist nicht wirklich so, dass das eine ins andere gleitet, auch wenn Honoré
ganz ausdrücklich keine Umstände macht beim Übergang von hier
nach da und wieder zurück. Da ist und bleibt
immer ein kleiner Ruck und ein Riss. Wie eben der ganze Film ein Film der Rucke
und Risse ist und deshalb bei Gelegenheit auch vom Realen ins
Irrealen springt. Sind aber so kleine Sprünge, man sieht sie kaum.
Und manchmal, an zwei der schönsten Stellen, verkleiden sie sich auch als
ein Gleiten. Julie gleitet davon und gleitet heran, ein Abschied, eine Rückkehr,
real, irreal, dazwischen ein Riss, eine Kluft, eine Abwesenheit.
Julie kehrt, kurz und irreal genug, in
eine andere Konstellation zurück als die, die sie verließ. Nicht
nur ist inzwischen auch ihre Schwester Jeanne (Chiara Mastroianni) mit im Spiel.
Sondern auch Erwann (Grégoire Leprince-Ringuet), ein junger Mann mit
bretonischem Namen. Erwann hat sich in Ismael verliebt. Er ist der Bruder von
Gwendall (Yannick Renier), mit dem Alice, mit der Ismael nichts mehr hat, eine
Affäre beginnt und rasch wieder beendet. Das klingt kompliziert und ist
es auch. Wichtig dabei vor allem: die ständigen Verschiebungen und Wechsel
der Konstellationen.
Rearrangements der Körper und auch
der Referenzen. Die
"Nouvelle Vague", Jacques Demy - und zuletzt: Jean-Claude Guiguet.
Diesem schmählich unterschätzten
und viel zu früh verstorbenen französischen Regisseur ist der Film
gewidmet. Wer will, kann der Meinung sein, dies sei die entscheidende Drehung
des Kaleidoskops, das "Chanson der Liebe" ist: Von der (oft genug
schrecklich heterosexuellen) "Nouvelle Vague" zur schwulen Schönheit
der Filme Guiguets (der einer filmhistorischen Parallelbewegung namens "Diagonale"
angehört), das alles via Jacques Demy. Ein Rucken und Gleiten und Drehen
auf Flügeln des Gesangs. Eine Umwertung der Werte, eine entschiedene Wendung
zur Homosexualität. Am Ende liebt Ismael Erwann und Erwann Ismael. Was
zurückkehrt, ist die Liebe, aber nicht ihr Objekt. Das hat zwischendurch
das Geschlecht gewechselt, und zwar im schönsten Song der von Alex Beaupain
geschriebenen eigentlich ziemlich konventionellen Pop-Chansons des Films. Der
Song heißt "Beaute du geste" und es fragt der eine den anderen
darin, ob er schon einmal nur um der Schönheit der Liebe selbst wegen geliebt
hat: "As-tu deja aime pour la beaute du geste?" Das ist, wie der ganze
Film, eine filmhistorisch gewitzte, programmatisch polymorphe Liebeserklärung
an die Liebe.
P.S.: Die Frage, wie genau der Text dieses
Songs zu verstehen ist, vor allem: welche Rolle das Objekt dabei spielt, wird
mit poetischer Genauigkeit ausgerechnet in einem nüchternen englischen
Übersetzungsforum diskutiert: das ist unbedingt lesenswert.
Ekkehard
Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
am 20.08.2008 im: www.perlentaucher.de
Chanson
der Liebe
Frankreich
2007 - Originaltitel: Les Chansons d'amour - Regie: Christophe Honoré
- Darsteller: Louis Garrel, Ludivine Sagnier, Clotilde Hesme, Chiara Mastroianni,
Grégoire Leprince-Ringuet - FSK: ab 6 - Fassung: O.m.d.U. - Länge:
100 min. - Start: 21.8.2008
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