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Couscous
mit Fisch
Sprach-Verausgabung
Mit höchster Genauigkeit zeichnet
Abdellatif Kechiches Film "Couscous mit Fisch" den Binnenraum einer
Familie arabischer Einwanderer in Südfrankreich.
In die Enge getrieben sind die Figuren
in Abdellatif Kechiches drittem Film "Couscous mit Fisch". Der geografische
Ort dieser Enge: das Hafenstädtchen Sete in Frankreichs Süden. Der
psychogeografische Ort: die Familie. Die Familie, die der sechzigjährige
Slimane (Habib Boufares) verlassen hat. Die neue Familie, die er gefunden hat
im Hotel; mit dessen Besitzerin lebt er zusammen, zu deren Tochter hat er ein
enges Verhältnis. Slimane, den wir kennenlernen als einen, der seinen Job
verliert, ist ein großer Schweiger. Er verzieht selten die Miene. Man
wirft ihm allerlei an den Kopf, er reagiert kaum. Er ist sehr typisch darin
für die Geschlechterverhältnisse in den arabischen Familien, wie Kechiche
sie hier zeichnet. Die Frauen reden und machen und halten die Dinge in Gang.
Die Männer schweigen und glotzen und sind der Sand im Getriebe.
Kaum glauben möchte man, dass einer
wie Slimane einen Traum hat, aber es gibt diesen Traum: vom Restaurantschiff
im Hafen. Vielleicht ist es im Grunde nicht Slimanes Traum: Eher findet er sich
hineingesetzt in den Traum, den seine Stieftochter Rym (Hafsia Herzi) träumt.
Sie träumt mit sehr offenen Augen, sie trägt das Herz auf der Zunge,
sie peitscht die Dinge, die Slimane schleifen lässt, energisch voran. Man
sieht die beiden auf Ämtern, wo man sie mit der paternalistischen Herablassung
behandelt, die ihnen als arabischstämmigen Franzosen ohne rechten Businessplan
und vor allem ohne Geld offenbar von Amts wegen zukommt. Man sieht und hört
Rym, die redet und redet, mit dem Druck, der Wucht, der Überzeugungskraft,
mit der Kechiche seine Laiendarstellerinnen schon im großartigen Vorgängerfilm
"L'Esquive" zum Reden brachte.
Heraus aus den festgefahrenen Situationen
einer komplizierten Familienkonstellation soll der Traum vom Restaurantschiff
als Familienvereinigungstraum führen. Slimanes geschiedene Ehefrau bereitet
den "Couscous mit Fisch" für die Eröffnungsgala, die Ämter
und Mitbürger dem Projekt gewogen stimmen soll. Auf diese Gala läuft
der Film, der gegen Ende hin eine erstaunlich gut funktionierende Suspense-Dramaturgie
entwickelt, zu. Etwas geht jedoch schief, und wo die Protagonisten im Hafen
der französischen Stadt das Weite einer offenen Zukunft suchten, drohen
sie erneut in die Enge getrieben zu werden.
Auf den ersten Blick erzählt Kechiche
im sozialrealistischen Modus. Es geht um genaue Zeichnung eines Einwanderermilieus,
das Anschlüsse an diverse Schichten der französischen Gesellschaft
sucht und gelegentlich findet. Kechiche richtet seinen Blick weniger auf die
familiale Außenpolitik, sondern er gibt in erster Linie dem Binnenraum
des Sozialen ein Gesicht. Das ist buchstäblich zu nehmen: Er richtet seine
Handkamera mit famoser Insistenz auf die sprechenden Frauen und die schweigenden
Männer. Er rückt ihnen auf den Leib und die Höhepunkte des Films
sind jene Szenen - etwa ein großes Familienessen -, in denen sich dieser
Binnenraum zu intensiven Sprach-Konzerten und rasch montierten Kamerablickwechseln
verdichtet.
In diesen Augenblicken überlässt
sich Kechiche ganz und gar dem Momentanen, der Individualität seiner Darstellerinnen,
die er in Gesten, Bewegungen, Wörtern, Sprach- und Gesichts-Ausdrücken
geradezu total erfassen zu wollen scheint. Wie schon in "L'Esquive" konterkariert er dieses Sich-Vergessen
des Plots mit sehr deutlichen, fast schon groben Zügen einer Akt-Dramaturgie.
Nie aber zwingt er das Momenthafte, das Individuelle dazu, funktional zu werden.
Und noch im Funktionalen eröffnet er Spielräume, in denen die Körper,
die Wörter sich verausgaben können, ohne dass es auf das Voranschreiten
und das Ausgehen seiner Geschichte zu verrechnen wäre. Es ist dieses zwanglos
etablierte Spannungsverhältnis, das Kechiche zu einem ganz einzigartigen
Kinoerzähler macht.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
am 27.08.2008 in: www.perlentaucher.de
Couscous
mit Fisch
Frankreich
2007 - Originaltitel: La Graine et le Mulet - Regie: Abdellatif Kechiche - Darsteller:
Habib Boufares, Hafsia Herzi, Faridah Benkhetache, Abdelhamid Aktouche, Bouraouïa
Marzouk, Alice Houri, Cyril Favre. Länge: 151 min. Dt. Start: 28.8.2008
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