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The
Dark Knight
Mega-Wunscherfüllungsmaschine
Fulminant finster erzählt Christopher
Nolan in seinem zweiten Batman-Film "The Dark Knight" von der unauflösbaren
Verschränkung von Gut und Böse.
Mit "Batman
Begins" setzte der
bis dahin für Noir-Thriller mit Indie-Touch bekannte Christopher Nolan
vor drei Jahren das Batman-Franchise fulminant
zurück auf Null. Dieses war zuvor nach quietschbunten Filmen in die Sackgasse
des infantilen Comickitsches geraten; mit erdig-dunkler Farbgebung und elegischem
Grundton präsentierte Nolans Reset nun einen gebrochenen Titelhelden (Christian
Bale), dessen Traumatisierung er mit weit ausholender Geste in verschachtelter
Erzählweise - eine Spezialität Nolans - fokussierte.
Da Batman hier, dem Titel entsprechend,
lediglich seinen Anfang fand, hatte die eigentliche, hastig ans Ende gesetzte
Konfrontation mit den Superschurken Scarecrow und Ra's al Ghul fast den Anschein
einer bloßen Konzession an die Logik des Blockbusters - und eines vertröstenden
Versprechens, das erst mit "The Dark Knight" seine Erfüllung
findet. Diese aber von erster Minute an mit Nachdruck : Ein im gleißenden
Tageslicht so atemberaubend in Szene gesetzter wie durchgeführter Banküberfall
führt den Joker (Heath Ledger) als aasig-sardonischen, an Geld- oder Machtzugewinn
schmerzlich desinteressierten Superverbrecher ein und gibt zugleich den Takt
des Filmes vor.
Rasant sind nicht nur die technisch schwer
auftrumpfenden, erstmals in der Geschichte des Spielfilms im kuppelfüllenden
IMAX-Verfahren gedrehten Actionorgien mitten im Zentrum des Drehortes Chicago.
Auch der Plot hechtet atemlos von einer Etappe zur nächsten und verkettet
dieses Übermaß an Storydichte, im Gegensatz zum diffusen "Spider-Man
3", doch zu einem
funktionierenden Gebilde. Wenn Bruce Wayne, Batmans Alter Ego (oder, eben, umgekehrt),
eine Sinn- und Liebeskrise durchlebt, mit dem Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron
Eckhardt) gemeinsame Sache macht, die Machenschaften eines mafiösen Wirtschaftskriminellen
nach Hongkong führen, der Joker in Gothams Unterwelt derweil Bambule macht,
während die Abteilung für Innovation bei Wayne Enterprises neueste
technologische Gadgets ausspuckt und die ganze Stadt zusehends zur Geisel des
Jokers gerät, und wenn sich all dies - und vieles mehr - ein ums andere
Mal in einen klar definierten Gesamtbogen fügt, so scheint der alte Vorwurf
der Comic-Nerds, ein einfacher Spielfilm könne grundsätzlich nicht
die Plottiefe ambitionierter Comics entwickeln, endgültig vom Tisch. Um
den Preis allerdings, dass die Montage hier noch bei Spieldauer von prall gefüllten
zweieinhalb Stunden die Ortswechsel häufig erratisch, oft genug irritierend
vollzieht.
Doch mag dies auch der Thematik des Films
geschuldet sein: Unberechenbarkeit. Stiftete Batman sich im ersten Teil noch
als Symbol zur Stärkung des Guten, verhält sich der Joker dazu schlicht
als Antithese: Mit einfachsten Mitteln und ohne Rücksicht auf Verluste
und sich am allerwenigsten stiftet er Chaos und Massenpanik, um die verkommensten
Seiten des Menschen zum Vorschein zu bringen und dies allein zum Zweck der Erosion
jeder gesellschaftlicher Ordnung. Das Superverbrechen, wie einst bei Mabuse,
als makabres Spiel: Wetten, dass die Stadt im Chaos versinkt?
Diese dialektische Verwobenheit von Batman
mit seinen Gegenspielern ist nicht neu. Schon im ersten Batmanfilm von Tim Burton
brachten sich Joker, damals noch Jack Nicholson, und Batman gegenseitig hervor.
Burton lehnte sich damit an den Comicautor Frank Miller an, dessen Meisterwerk
"The Dark Knight Returns" 1986 die Frage durchspielte, ob nicht gerade
der Superheld überhaupt erst den Superschurken spiegelbildlich hervorbringt.
Neu in "The Dark Knight" ist
allerdings die völlige Kompromisslosigkeit, mit der diese Relation nun
auch im Film umgesetzt wird. An das naive Konzept des Superhelden, der für
simpelste Traumabewältigung Straßengauner zur Strecke bringt, erinnert
hier nichts; das Auftreten des Jokers - sowohl als Figur, als auch hinsichtlich
seines Habitus - erklärt sich hier mit nichts außer dem bloßen
Auftreten Batmans als Etappe einer eskalierenden Spirale. Eine origin
story bleibt ihm gleich
völlig vorenthalten: Der Joker - vom kurz nach den Dreharbeiten verstorbenen
Heath Ledger mit unglaublicher Präsenz verkörpert- ist so frei von
persönlichen Interessen, wie von einer Herkunft oder biografischen Erzählung,
getrieben allein von einer ausufernden Lust an der Destruktion, vulgär-nietzscheanischer
Nihilismus in Person. Ein Geist, der stets verneint, in seinem eigentlichen
Element.
Die Konsequenz, mit der "The Dark
Knight" diesen Willen zur Zerstörung auf die Leinwand bringt, ist
schlicht beeindruckend. Selbst noch auf dem Feld des Blockbusters ist dieser
ein Mega-Vetreter seiner Zunft, eine Art Mega-Wunscherfüllungsmaschine,
deren Sog selten gesehene mitreißende Qualitäten aufweist: So rasant,
so elegant, so diskursiv aufgeladen, so kompromisslos düster bis noch ins
kaum als solches bezeichenbare Happy End war zuletzt kaum ein Beitrag zur kostspieligsten
aller Unterhaltungsformen. Die grimmige Ernsthaftigkeit, die jüngst im
Horrorkino um sich griff, scheint nun auch im Popcorn-Kino als Ausdruck gegenwärtiger
Befindlichkeiten angekommen.
Thomas Groh
Dieser Text ist zuerst erschienen
am 20.08.2008 im: www.perlentaucher.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
The
Dark Knight
USA
2008 - Regie: Christopher Nolan - Darsteller: Christian Bale, Michael Caine,
Heath Ledger, Gary Oldman, Aaron Eckhart, Maggie Gyllenhaal, Morgan Freeman,
Eric Roberts, Cillian Murphy - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16
- Länge: 152 min. - Start: 21.8.2008
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