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Falco
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Verdammt, wir leben noch!
Anders
als die anderen
Seinen bösesten Gag leistet sich
dieser Film gleich zu Beginn. Man traut seinen Augen nicht! Es gibt eine Augenzeugin
des tödlichen Unfalls von Falco in der Dominikanischen Republik, eine schwarze
Hotelangestellte: Sie wird gespielt von einer deutlich gealterten Grace Jones.
Jener Grace Jones, die um 1980 herum als superhippe Sängerin mit zwei herausragenden
Alben das Konzept des "kalten" Pop-Images bis an die Grenzen des Zumutbaren
erprobte - und damit (neben David Bowie und Lou Reed) auch dem Wiener Musiker
Hans Hölzel zum Vorbild wurde. Jetzt spielt sie eine undankbare Cameo-Nebenrolle
in einer filmischen Hommage an Falco - und bestätigt durch ihre bloße
Anwesenheit Neil Youngs These, dass es wohl besser sei, "to burn out than
to fade away".
Es war um 1980 - und es war in Wien. Falcos
größter Hit "Rock me Amadeus" gibt den Tonfall dieser so
überraschend wie erstaunlich gelungenen
Filmbiografie vor. "Falco - Verdammt, wir leben noch" ist die wundersame
Geschichte des Hans Hölzel, der sich Ende der siebziger Jahre aus den schmuddelig-anarchischen
Untiefen der auslaufenden Wiener Hippie-Underground-Alternativ-Bohéme-Kultur
aufmachte, ein internationaler Star zu werden, dem es auf dem Karrierehöhepunkt
gelang, als erster deutschsprachiger Künstler die Nummer eins der US-Charts
zu werden. Falco erfand sich selbst als Avantgarde-Kunstfigur gegen den Zeitgeist,
und zwar so konsequent, dass selbst die besten Freunde zu zweifeln begannen,
ob noch Reste von Hansi vorhanden waren, wenn sie mit Falco sprachen.
Es grenzt schon an ein Mysterium, wenn
man im Film die Verwandlung von Hansi in Falco beobachtet. Hier scheint jemand
tatsächlich instinktiv - der Hansi ist kein Intellektueller - antizipiert
zu haben, dass eben um 1980 herum die Werte der Popkultur radikal umcodiert
werden: Statt Wärme nun Wollen, statt Offenheit nun Abgrenzung, statt Gefühl
nun Verstand. Falco, der Popstar sui generis, wagt ein radikales Experiment
in Sachen Kälte und Selbstdistanzierung, das Zeitgenossen wie Trio oder
Joachim Witt bestenfalls ironisch zu inszenieren wussten. Falco aber ist wie
die Gruppe Kraftwerk, aber als Solist.
Doch dieser Film ist kein poptheoretisches
Thesenpapier, sondern zunächst mal großes, kleines Kino, zusammengebastelt
aus lauter für sich schmierigen Trash-Melodram-Elementen, einem Wahnsinn
aus Drogen, Eifersucht, Selbstzweifeln und Grandezza, der immer seine Herkunft
aus der Pop-Provinz Österreich virulent hält. Falco ist da eine seltene
Blüte, geboren aus einem Sumpf von Daily Soap, Wiener Schmäh und der
Idee, dass man es als nur leicht verspätete David Bowie-Kopie bis ganz
nach oben schaffen kann. Schluss mit Authentizität, dem Schlüsselwort
des vorangegangenen Jahrzehnts!
Die Rechnung geht auf. Aber der Preis
des Erfolgs ist hoch, zu hoch, denn Popstar zu sein, das ist ein Fulltimejob.
In einer zentralen Szene des Films erfährt Falco (erstaunlich genau porträtiert
von Manuel Rubey), als er "ganz privat" mit ein paar Freunden in einer
Kneipe sitzt, dass er den US-Markt geknackt hat. Tief betroffen steht er auf
und weiß: "Erst wenn ich tot bin, werden mich die Leute jetzt wieder
lieben können!" In einer anderen zentralen Szene des Films erfährt
Falco, dass er nicht der leibliche Vater seiner Tochter ist. Wie "GZSZ".
Wie große Tragödie. Ganz oben ist es verdammt einsam.
Dieser Film von Thomas Roth schafft es
immer wieder, solche Momente zu kreieren, in denen - wie einst in den Filmen
von Douglas Sirk - das trivial Melodramatische umschlägt in finsterste
Wahrheiten. Roth gelingt in "Falco" das seltene Kunststück, allein
mittels Pop-Effekten puren Pop zu produzieren! Wo konventionellere Filme wie
"Control" (über den Joy-Division-Sänger
Ian Curtis), "Walk
the Line" (über
Johnny Cash) oder "Ray" (über Ray Charles) noch so tun, als könnten
sie hinter der Pop-Oberfläche etwas Substanzielles als Motor des Getriebenseins
entdecken, als gäbe es hinter der Oberfläche etwas, das der seriösen
Rede wert wäre, da wagt "Falco" ein perfektes Feedback von Oberflächen,
die stets nur auf sich selbst und ihre Künstlichkeit verweisen. In diesem
Feedback wird Hans Hölzel ausgelöscht.
Deshalb ist "Falco" immer "Scarface" und "Lindenstraße"
zugleich, Kokserballade und Kleinbürgertragödie. Strukturell und politisch-ideologisch
ist "Falco" ein schieres Filmwunder, das vielleicht kongenial intuitiv
entstanden ist. Der Boden, von dem aus sich Hansi alias Falco in die Lüfte
erhebt, erscheint so vorgestrig, dass es unbegreiflich und rätselhaft bleibt,
wie hier, im Wiener Abseits, ein derart offensiver Pop-Entwurf entstehen konnte.
Der Film ist erkennbar zusammengebastelt als Abfolge lächerlich sinnfälliger
Anekdoten: der Kinotraum von der Berühmtheit; einzig lebend Geborener von
Drillingen; die diabolische übergroße Mutter; die einfältige,
aber herzensgute große Liebe; der beste Freund; der väterliche Manager.
Dazu triviale Schöpfungsmythen, aus zweiter Hand erzählt. Und gerade
deshalb trifft das die "Essenz", so dass man nach einer wahren Essenz
besser nicht erst sucht.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der Stuttgarter Zeitung vom 05.06.2008
Falco
- Verdammt, wir leben noch!
Österreich 2007 - Regie: Thomas Roth - Darsteller: Manuel Rubey, Nicholas Ofczarek, Christian Tramitz, Patricia Aulitzky, Susi Stach, Arno Frisch, Markus Mössmer, Martin Loos, Christoph von Friedl, Julian Sharp - FSK: ab 12 - Länge: 109 min. - Start: 5.6.2008
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