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Die
Ferien des Monsieur Hulot
„Ich
bin ein wenig Don Quichotte,
der
mit Humor gegen die Windmühlen
anrennt.
Die Windmühlen, das sind die
Rotlichter,
Grünlichter, Pfeile, Spuren,
Über-
und Unterführungen, Umfahrungen
und
Ausfahrten. Mit all diesen
Vorschriften
und Regeln, Verboten
und
Hinweisen kommt man ja
überhaupt
nicht mehr zurecht. Es
herrscht
totale Konfusion.”
(Jacques
Tati)
Universum-Film hat vor kurzem (21.6.2004) vier der sechs Filme Jacques Tatis in einer DVD-Collection veröffentlicht. Die insgesamt vier DVDs befinden sich in einer ausklappbaren Box vor den Plakaten der jeweiligen Filme. Die Sammlung beinhaltet zusätzlich die beiden Kurzfilme „Achte auf deine Linke” (1936, 11 Minuten), einen Boxerfilm der besonderen Art, und „Schule der Briefträger” (1947, 14 Minuten), eine Art Vorarbeit für „Tatis Schützenfest” (1947/49). Neben dem letzt genannten Film befinden sich in der Sammlung „Die Ferien des Monsieur Hulot” (1953), „Mein Onkel” (1958) und „Playtime” oder „Tatis herrliche Zeiten” (1967). Tatis letzter Kinofilm „Trafic” (1971) ist zusätzlich Anfang Juli auf DVD erschienen. Sein letzter Film „Parade” (1974), eine Art Dokumentarfilm über den Auftritt französischer Kabarettisten, ist bislang nicht auf DVD erschienen und nur als Videokassette in den USA und Kanada erhältlich.
Trotz
des teilweise hohen Alters des Filmmaterials hat Universum-Film wohl einige
Mühen darauf verwandt, Bild und Ton in bester Qualität zu präsentieren.
An den insgesamt etwa 389 Minuten Filmmaterial plus 25 Minuten Kurzfilme gibt
es kaum etwas zu beanstanden, bis auf einen Punkt: Eine gestrichelte weiße
Linie „ziert” den oberen schwarzen Bildrand der DVD mit „Playtime” – der einzige
Wermutstropfen der Collection. Bis auf „Playtime” (16:9 Bildformat) sieht man
alle Filme im Format 4:3. „Mein Onkel” ist ausschließlich in französischer
Sprache mit deutschen Untertiteln anzusehen, die anderen Filme in deutsch oder
französisch. Die Collection kostet knapp 45 Euro.
Zum
ersten Mal spielt Tati in „Die Ferien des Monsieur Hulot” die Kultfigur Hulot,
den Mann mit den zu kurzen Hosen, den eigenartigen Bewegungen, einen freundlichen,
hilfsbereiten, jedoch ständig mit der Tücke der Objekte kämpfenden
Mann. Hulot ist kein ungeschickter Tölpel, kein Dummkopf. Ungelegen ist
wirklich der treffende Begriff für diesen Menschen, der hier noch nicht
mit den Objekten und Szenarien der Postmoderne zu kämpfen hat, sondern
sich „einfach” in den Ferien in einem Badeort in verschiedenste Dinge und Situationen
verstrickt. Hulot kommt ungelegen und verhält sich ungelegen
Er fährt
ein Auto aus den 20er Jahren. Man kann kaum glauben, dass dieses krachende,
knatternde Gefährt überhaupt fahrtüchtig ist. Im Hotel de la
Plage treffen wir auf ein älteres Paar aus der Schweiz, die ihr Vergnügen
ausschließlich darin finden, spazieren zu gehen: er immer fünf Schritte
hinter ihr; auf eine junge hübsche Frau, die einem der damaligen Modejournale
entsprungen zu sein scheint; auf einen misstrauischen, manchmal auch missmutigen
Kellner, der sich über merkwürdige Fußspuren (natürlich
die von Hulot) wundert; einen Ex-General, der sich in den Ferien so bewegt wie
bei der Armee; auf eine freundliche englische Urlauberin – und viele andere.
Es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Sonne scheint, das Meer reizt, Ruhe und
Freude beherrschen die Szenerie. Und mittags und abends läutet die Glocke
des Restaurants und ruft alle Gäste zusammen.
Durchbrochen
wird diese Idylle allerdings von den kleineren und größeren Missgeschicken,
in die natürlich vor allem Monsieur Hulot verstrickt ist. Hulot ist an
allem interessiert, neugierig in einem durchaus positiven Sinn. Zu den Höhepunkten
des Films, in dem Slapstick ganz in der Tradition des Stummfilms eine große
Rolle spielt, gehören Szenen wie die, in der Hulot zwei Pfadfinderinnen
einen schweren Rucksack zu ihrer Hütte trägt. Als er von den Anwesenden
als Dank einen Schnaps bekommt und mit ihnen zusammen anhebt, den Kopf nach
hinten schwenkt, reißt ihn der Rucksack rückwärts zur Tür
hinaus. Wir sehen Hulot als Tennisspieler mit einer besonders seltenen Art des
Aufschlags, gegen den allerdings niemand etwas ausrichten kann. Dann beobachten
wir ihn im Kanu, das plötzlich in der Mitte zusammenklappt und Hulot zu
verschlingen scheint, später auf einer Beerdigung, auf der sein Ersatz-Autoschlauch
(der – nass geworden – von Laub beklebt ist) mit einem Kranz verwechselt wird.
Zu den
Höhepunkten zählt sicherlich Hulots unfreiwilliges Feuerwerk am Strand,
seine Jagd nach den Raketen und seine Flucht vor ihnen.
Bereits
in „Les Vacances de Monsieur Hulot” treibt Tati sein Spiel mit den Widersprüchen
der kleinbürgerlichen Welt, die er später in „Playtime”, „Mon
Oncle”
und auch „Trafic” um die sich für modern haltende neue Kleinbürgeridylle
ergänzt.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist in dieser Form zuerst erschienen in der filmzentrale
Die
Ferien des Monsieur Hulot
(Les
Vacances de M. Hulot)
Frankreich
1953, 83 Minuten
Regie:
Jacques Tati
Drehbuch:
Henri Marquet, Jacques Tati
Musik:
Alain Romans
Director
of Photography: Jacques Mercanton, Jean Mousselle
Schnitt:
Suzanne Baron, Charles Bretoneiche, Jacques Grassi
Produktionsdesign:
Roger Briancourt, Henri Schmitt
Darsteller:
Jacques Tati (Monsieur Hulot), Nathalie Pascaud (Martine), Michéle Rolla
(Die Tante), Valentine Camax (Engländerin), Louis Perrault (Fred), André
Dubois (Kommandant), Lucien Frégis (Hotelbesitzer), Raymond Carl (Ober),
René Lacourt (Spaziergänger), Marguerite Gérard (Spaziergängerin)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0046487
©
Ulrich Behrens 2004
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