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Finnischer
Tango
Auf dem „Festival des deutschen Films“
in Ludwigshafen wurde der Film von Buket Alakus 2008 mit dem Publikumspreis
ausgezeichnet. Damit hat er seine Mission punktgenau erfüllt, denn in der
Tat hat dieser „Zutatenfilm“ (Alexander Kluge) seine Bestandteile so geflissentlich
ausgewählt und so ordentlich drapiert, dass man schon ein Herz aus Stein
haben müsste, den Film und seine engagiert agierenden Darsteller nicht
zu mögen.
Andererseits beschleicht einen aber das
klamme Gefühl, das alles schon mehr als einmal gesehen zu haben. Jede Figur,
jede Szene erfüllt ohne Überschuss die dramaturgische Funktion eines
Mosaiksteinchens innerhalb eines runden und harmonischen Gesamtbildes, das dem
Zuschauer auf das Unterhaltsamste erzählen will, dass es ganz unterschiedliche
Formen von Behinderungen gibt, dass Emotionen ganz wichtig für die Ausbildung
einer Persönlichkeit sind, dass Freundschaft ein hohes Gut ist und dass
auch Gehandicapte oft an Sex denken. All diese wackeren und durchaus sympathischen
Botschaften transportiert der Film nicht etwa mit pädagogisch erhobenem
Zeigefinger, sondern eher hintenherum als Komödie, die gern „schwarz“ sein
will. Das Räderwerk des routinierten Erzählens läuft irgendwann
wie geschmiert, auch Episoden, die nicht unbedingt die Handlung vorantreiben
(wie die Darstellung einer Gruppe sinistrer Metal-Musiker) sind putzig gelungen,
allein Anfang und Ende des Films sind ausgesprochen problematisch. Bevor nämlich
der Musiker Alex seine längst überfällige Erziehung des Herzens
beginnen kann, braucht es etwas Fallhöhe. Alex spielt mit zwei Freunden
recht erfolglos in einer Tango-Band. Natürlich nicht in irgendeiner, sondern
einer, die – nach Kaurismäki und Numminen – Moll-lastigen finnischen Tango
spielt und damit die lakonisch-humorvolle Tonart des Films vorgibt.
Alex ist ein herzenskalter Filou, der
auch nach einem schweren Autounfall zunächst nur an sich und sein Akkordeon
denkt, statt sich um den verletzten Freund zu kümmern oder den toten Band-Kollegen
zu betrauern. Das ist, wie man so sagt, bezeichnend. Weil die Tango-Musiker
zuvor eine düstere Metal-Band bestohlen haben, die jetzt auf Rache oder
zumindest auf Schadensersatz aus ist, heißt es für Alex – kein Geld,
keine Freunde, nichts als Ärger – zunächst einmal untertauchen. Natürlich
nicht irgendwo, sondern am besten in einer Behinderten-Theatergruppe, in die
man nur hineinkommt, wenn man behindert ist. Wüsste Alex um seine emotionalen
Defizite, wäre das kein Problem. So aber muss er erst einmal einem Betroffenen
seinen Behindertenausweis stehlen. Alex wird also Epileptiker – und zieht in
eine betreute Wohngruppe. Hier trifft er nicht nur auf die patente Lotte und
den MS-kranken Ästheten Rudolph, sondern auch auf einige ziemlich „toughe“,
mit sehr irdischen Problemen handfest und ehrlich befasste Behinderte, die den
Neuen durch ihre Lebenslust kurzerhand sozialisieren. Anfangs wehrt sich Alex
zwar noch gegen seine Menschwerdung, indem er weiterhin versucht – Gehandicapte
hin, Gehandicapte her –, sein Süppchen auf Kosten anderer zu kochen. Doch
gegen die beharrliche Menschlichkeit von Lotte, Clark und Marilyn ist auf Dauer
kein Kraut gewachsen, zumal Alex eigentlich doch ein Netter ist.
Weil sich der Film beharrlich weigert,
auch nur einen Moment ernsthaft über die tragische Dimension von Krankheit
oder Behinderung nachzudenken – selbst Rudolph sinnt nur in einem ganz schwachen
Moment über Selbstmord nach und wird von Alex eines Besseren belehrt –,
verpufft „Finnischer Tango“ widerstandslos zu einem überraschungslos lebensbejahenden
Wohlfühlfilm mit einigen unterhaltsamen politischen Unkorrektheiten und
vorgetäuschten Tabubrüchen; diese werden vom guten Darsteller-Ensemble
so mundgerecht angeboten, dass man ihm ausgesprochen gerne bei der Arbeit zusieht.
Manchmal aber sehnt man sich dabei doch in jene Zeit zurück, als sich „Unser
Walter“ im Fernsehen seine Eistüte wider Willen mitten auf die Stirn „pappte“,
was am nächsten Tag auf dem Schulhof zum Running Gag wurde. „Finnischer
Tango“ wird diese Wirkung sicher nicht haben.
Ulrich Kriest
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film Dienst
Finnischer
Tango
Deutschland
2008 - Regie: Buket Alakus - Darsteller: Christoph Bach, Mira Bartuschek, Nele
Winkler, Michael Schumacher, Fabian Busch, Daniel Zillmann, Frank Grabski, Gabriela
Maria Schmeide - FSK: ab 12 - Länge: 91 min. - Start: 28.8.2008
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