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Die
Gustloff
Ach du liebes ZDF. Was haben wir denn
da? TV-Vorabendästhetik finanziert mit Mitteln der Filmförderungen
der Länder. Der Zweiteiler „Die Gustloff“ wird wieder schöne Prime-Time-Quote
machen. Bekannte Stars, denen im Film nichts Böses geschehen kann, weil
sie ja am Leben sind und für die nächste Quote gebraucht werden. Knallig
bunte Bilder, richtige Hinkucker. Jei, das Marineliebespaar verkriecht sich
in einem der Pferdeställe, die auf den Piers zu stehen pflegen, und posiert
vor einem Rappen. Mit Tier-Atmo. Zu dritt! Ist das schön. Und dann die
frisch geputzte Museums-Dampflok! Januar 1945! Nostalgie! Waren das noch Zeiten!
Eigentlich ging es in der „Gustloff“ um neuntausend Tote. Aber keine Sorge:
das verliert sich in den Schauwerten.
Ende Januar 1945 transportiert die Wilhelm
Gustloff eine Einheit von tausend Marinesoldaten nach Kiel. Ostpreußenflüchtlinge
dürfen zusteigen. Viele Tausende. Der rettende Hafen wird nicht erreicht.
Von sowjetischen Torpedos getroffen, versinkt das Schiff. Das Liebespaar wird
gerettet. Gott sei Dank. – Soweit die Handlung. Die für einen Zweiteiler
nicht langt. Sie muss daher aufgemotzt werden. Wie das geht, wissen wir von
der Titanic. Das war immerhin ein richtiger Film. Aber nicht die Titanic, sondern
die Gustloff war „die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten“. Das
ist im Roman „Die Gustloff“ zu lesen, dem Buch zum Film. „Das Ausland hat davon
keine oder kaum Notiz genommen“. Warum? Weil „kein ausländisches Opfer
zu beklagen war“. Und was die Deutschen betrifft: „Kollateralschaden“. Das ist
bitter. Das muss richtiggestellt werden. Das geschieht hiermit. Bitte merken:
Nicht die Titanic ist es. Die Gustloff ist die Nummer Eins.
Und nun zur Handlungsergänzung. Bei
den Marinesoldaten gibt es einen Verräter. Das ist Detlev Buck. Als einziger
müht er sich um einen ostpreußischen Akzent. Dat jeht nicht jut.
Das passt nicht. Das ist nicht die Sprache des TV-Spiels. Und tatsächlich
kommt es raus: er war in russischer Kriegsgefangenschaft. Und wer wieder zurückkommt,
„hat die Seiten gewechselt“. Aber er ist immerhin noch Deutscher und als solcher
ein Mann der Ehre. Er setzt sich die Pistole an den Kopf und zack, weg ist er.
Allerdings hatte er vorher noch die Position des Schiffs an die Russen gefunkt.
Wieder füllt der Film die Zeit mit schier endloser Beschreibung ein und
derselben Situation. Oben auf der Brücke viel Himmel, tadellose marineblaue
Uniformen, Off’ziere beim Beratschlagen des Kurses. Unten nähert sich die
Unterwasserkamera dem Russen-U-Boot. Gelb und rot im Innern. Höllenfarben.
Und die Teufel sprechen nun absolut kein Deutsch mehr.
Der letzte Teil der „Gustloff“ macht den
Zweiteiler zum gefühlten Vierteiler. Komparsen schwimmen im Wasser. Im
Rettungsboot wird ein Kind geboren: „ein Junge!“ Es wird geschrieen und gewunken.
Der Montage fällt nichts ein. Sie verbrät das Schnittmaterial wies
kommt. Immerhin gibt’s eine Lachnummer. Ein SA-Bonze mit Führerbild unterm
Arm fällt ins Wasser. Kabarettreif, das. Dramaturgisch verliert sich der
Ansatz, der Handlungsarmut mit der Terroristenpanik von heute abzuhelfen. Ein
Sprengsatz soll im Schiff versteckt sein! Hausdurchsuchung! Das wird im ersten
Teil noch schön ausgemalt. Bis Detlev Buck den Selbstmordattentäter
macht. Dramaturgischer Murks.
Keine Aufregung! Man kann den Film nicht
ernstnehmen. Die Gustloff fährt manchmal ohne Licht (Verdunklung! Kriegszeit!),
manchmal hell erleuchtet: aus jedem Bullaugen gleißt es scheinwerferartig
(ein totales Bild. Die Titanic! Verstehen Sie?). Ein Anspruch auf Realität
wird nicht erhoben. Kohlberg oder Kolberg? Der eine Schauspieler sagts so, der
andere so. Suchen Sies sich aus. Also alles egal? – Kucken wir mal. Die Zivilisten,
die im Film zu Wort kommen (und im Buch notwendigerweise ausführlicher),
sind auf die hyperkorrekte Tour Antifaschisten oder doch unglückliche Angepasste,
hilfsweise Apolitische. Und die Marinesoldaten? Auch keine Nazis. Es geht ihnen
um fachgerechte Kriegsführung, ja sogar um die Rettung von Millionen defätistischer
Zivilisten aus dem bedrohten Ostpreußen. Zur Wehr setzen müssen sie
sich nicht nur gegen den Feind, sondern vor allem gegen die Nazis. Die gibt
es also. Wo? Das sind die Off’ziere mit Gestapohintergrund, Sadisten. Sie foltern
und erschießen harmlose Zivilisten und im Ernstfall auch den eigenen Schäferhund,
den Waldi. Zu den Nazis müssen wir den lächerlichen Parteibonzen zählen
und ein bisschen auch eine Denunziantin und vielleicht sogar die Mädels
im Schiffsbordell, und die wollen doch nur ihren Spaß haben. Hakenkreuzwinkelemente
verteilen sie lachend, dann saufen und huren sie mit den Nazis. Die Kamera hat
ihr Vergnügen dabei. Doch der aufrechte Soldat wendet sich mit Grauen.
So toll also trieben es die alten Nazis. Direkt was zum drüber Nachdenken.
Ich meine jetzt zum drüber Nachdenken, dass im Jahr 2008 ein öffentlichrechtlicher
Film hochgejubelt wird, der nahtlos an die schlimmen Jahre der Adenauerzeit
anschließt, in denen die brave Wehrmacht gegen die bösen Nazis ausgespielt
und reingewaschen wurde. Berüchtigter Paradefilm ist „Nacht fiel über
Gotenhafen“, 1959, der erste Film über den Untergang der Wilhelm Gustloff.
Die Hafenstadt Gdingen trägt darin immer noch ihren Nazinamen. Die restaurative
Tendenz, gar die Großdramaturgie ist jetzt fast ein halbes Jahrhundert
danach vom ZDF-Zweiteiler kopiert worden. Gotenhafen bleibt Gotenhafen. Wer
„Die Gustloff“ heute daraufhin vergleicht, wird staunen, wie stark sich Film
und Buch von 2008 an ihr Vorbild halten. Das Adenauer-ZDF lebt und ist rüstig.
Es lebe die Restauration.
In beiden Filmen ist ausgeklammert, dass
es deutsche Verbrechen in der SU gegeben hat. Der Feind kam wie das Schicksal
über Deutschland. Und wenn es ein Kriegsverbrechen gab, dann war es das,
die Gustloff zu versenken. So wird es „von vielen“ gesehen („Gustloff“-Buch
S. 325). Immerhin ist dort zu lesen, dass es ein deutsches Kriegsschiff war,
die Schleswig-Holstein, das mit den Schüssen auf Danzig den Krieg begann.
Der Film rückt den Satz ins Passiv: „Es fielen Schüsse in Danzig“.
Tja, von wem denn bitte? Der schwarze Kriegsmarinefleck, der ist im Film jetzt
weg. Ihm ist aber seinerseits zuzugestehen, dass er die Gräuelszenen abmildert,
die im Buch noch detailliert beschrieben werden. Gräuel der Roten Armee
an Ostpreußen, angestachelt von „Stalins Propagandamann Ilja Ehrenburg“.
„Bilder unfassbaren Grauens, bekanntgemacht von der NS-Propaganda“. Das sind
Fakten, denen das Buch traut und denen der Leser trauen darf. Die Quelle ist
seriös. – Sagen wir es noch mal, und das Buch sagt es. Jawohl, es gab Kriegsgräuel.
Begangen worden sind die von den Russen. Punkt.
Was davon hängen bleibt, wird wohl
das „die-Deutschen-waren-alle-dagegen“ und das „wir-sind-die-Opfer“ und das
„das-wird-doch-mal-gesagt-werden-dürfen“, damit endlich Schluss damit ist,
dass das böse Ausland die deutschen Opfer als Kollateralschaden abtut.
Zu sehen ist der Zweite Deutsche Gustloff Film im Zweiten Deutschen Fernsehen.
Hut ab! Näh, Hackenknall, Strammsteh, Zumdienstmeld. Toller Film, ZDF!
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Konkret
Die
Gustloff
Deutschland
2008
Regie:
Joseph Vilsmaier, Buch: Rainer Berg, Kamera: Jörg Widmer, Musik: Chris
Heyne. Mit: Kai Wiesinger, Valerie Niehaus, Heiner Lauterbach, Dana Vávrová,
Willi Gerk, Anja Knauer, Detlev Buck, Ulrike Kriener, Michael Mendl, Karl Markovics,
Gerald Alexander Held, Francis Fulton-Smith, Malina Ebert, Tom Wlaschiha, Thorsten
Nindel, Jana Leipziger, Christine Adler. ZDF-Erstaufführung: 02.03.2008
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