zur startseite
zum archiv
Hat
Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?
Im letzten Drittel findet sich urplötzlich
ein Bild, das für einen Moment den ganzen Film zu komprimieren scheint:
einige mit unsichtbaren Kräften angetriebene Riemen drehen sich ohne zu
stocken immer weiter, umgeben von tendenziell ekelhaften Schaumstoffmassen und
Schmutzwasser. Ziemlich unappettitlich das Ganze und undurchschaubar erst recht
- man möchte nicht wirklich wissen, was das denn genau ist, das das Wasser
so brauntrübe einfärbt. Das Entscheidende ist sowieso, dass sich die
Maschine weiterbewegt, wie und mit welchen Kollateralschäden bleibt im
Dunkel.
Gerhard Benedikt Friedl durchquert in
seinem beeindruckenden und beängstigenden, vor allem aber irritierenden
Filmessay zweimal die deutsche Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts vage
entlang der Zeitachse, mit vielen Sprüngen und stets extrem willkürlichen
Verbindungen. Im Mittelpunkt stehen ganz konsequent die großen Unternehmerfamilien
mit ihren urdeutschen Namen, Adelstiteln und fast inzestuösen Verwandschaftsverhältnissen,
eine Welt, deren Macht man nicht mehr wahrhaben möchte, die aber immer
noch in vielen entscheidenden Positionen in diesem Land fest im Sattel sitzt.
Der Off-Kommentar, der durch den Film
führt, übernimmt die Diktion der regionalen Tageszeitungen, unaufgeregte,
teilweise extrem sinnentleerte Hauptsätze stehen nebeneinander, dabei wechselt
der Sprecher unvermittelt zwischen Wirtschaftsnachrichten und Boulevard, alles
erhält dieselbe Aufmerksamkeit, Hierarchien gibt es keine.
Das Verwirrendste ist das Verhältnis
zwischen Bild und Ton. Sind die einzelnen Sätze untereinander nach einem
noch halbwegs einsichtigen Assoziationsprinzip miteinander verbunden, verweigert
sich das Bild einer festen Position im Zeichensystem. Oft sehen wir Panoramaschwenks
durch bundesdeutsche Industrielandschaften, die Motive passen sich immer wieder
der Erzählung an, driften aber ebenso schnell wieder in andere, oft dezidiert
nichtssagende Richtung. Und auch wenn das Bild einmal eine deskriptive Funktion
einzunehmen bereit zu sein scheint, untergräbt es jede Zuordnung sofort
wieder; einmal ist beispielsweise während der Erläuterung eines Bankenbankrotts
eine ebensolche zu sehen - nur eben eine ganz andere, die im weiteren Verlauf
des Films nie auftauchen wird.
Die politische Schlagrichtung des Films
bleibt nur dann unklar, wenn man ihm eine solche unterstellt. Funktionell erscheint
der Film jedoch eher, wenn man ihn nicht als Offenlegung gesellschaftlicher
sondern narrativer Problemstellungen liest. Ein Film vor dem Einbruch der Kausallogik
in das Arbeitsmaterial, der die Verschränkungen und Verengungen offenlegt,
die zur Erzeugung einer funktionalen Erzählung nötig sind. Ein Film
der sich weigert, festzulegen, was Denotat und was Konnotat ist.
Lukas Foerster
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: http://somedirtylaundry.blogspot.com/
Hat
Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?
Deutschland
2004 - Regie: Gerhard Benedikt Friedl - Darsteller: Dokumentarfilm - Länge:
73 min. - Start: 2.3.2006
zur startseite
zum archiv