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Hudsucker
- Der große Sprung
Wer Reviews kurz und prägnant liebt, dem
kann geholfen werden: "Hudsucker" beschreibt den Kampf zwischen Endlichkeit
und Ewigkeit, im Film symbolisiert durch Zigarre und Hula-Hoop-Reifen.
Knapper geht es nicht, allerdings auch nicht unverständlicher.
Daher im Anschluß noch einen längeres Review, welches den Film von
der anderen Seite her angeht.
Man könnte natürlich anfangen wie der Film,
während der Sylvesternacht 1958: wir gleiten in den Lüften durch die
Skyline von New York, es schneit und der Uhrzeiger rückt auf die Zwölf
vor. Alle sind glücklich und feiern. Moment: Neben der großen Uhr
oben am Hochhaus von Hudsucker Industries steht ein junger Mann, Norville Barnes.
Vom Fenstersims des 44.Stocks blickt er nach unten und will den großen
Sprung wagen. Wer den Film nicht kennt, denkt dann wohl: Ah! New York! Die Millionenstadt
mit den Millionen Geschichten. Eine Geschichte aus dem Wahnsinn der Großstadt.
Bestens. Was geschieht hier? Darauf gibt es drei Antworten: Sie haben die Form
von grotesken Geschichten und runden sich kreisförmig zu einer abstrusen
philosophischen Abhandlung, ebenso witzig wie tiefsinnig.
Man könnte erstens antworten: Norville Barnes
(Tim Robbins), ein junger Mann vom Lande, kommt in die große Stadt, um
sein Glück zu machen. Den College Abschluss in der Tasche, arglos und voller
Ideen, Pläne und Hoffungen, versucht er einen Job zu ergattern. Ein Zufall,
nein, ein Wink des Schicksals, weht ihm die ersehnte Chance zu: Ein Stellenangebot
von Hudsucker Industries. Er fängt ganz unten im Hochhaus von Hudsucker
an, in der Poststelle, wo eine apokalyptische Bürokratie und menschenschinderische
Vorgesetzte ihn herumschubsen. Norvilles Chance kommt schon am ersten Tag, als
er einen geheimnisvollen „Blauen Brief“ vom Präsidenten Waring Hudsucker
(Charles Durning) an den Vizepräsidenten Mussburger (Paul Newman) zustellen
muss. Er fährt mit dem Lift ganz nach oben, in die Vorstandsetage. Er will
seine Chance nützen und vor der Zustellung des Briefes seine tolle Geschäftsidee
dem großen Mussburger vorstellen: er holt einen Zettel aus der Tasche,
auf dem zur Verblüffung von Mussburger und den Zuschauern zu sehen ist:
ein O. Nichts weiter als „O“, ein Kreis. Damit qualifiziert es sich für
den Top-Job bei Hudsucker Industries, allerdings aus ganz anderen Gründen,
als er sich das vorstellt.
Die Coen-Brüder lassen „Hudsucker“ nicht in
der Gegenwart spielen, sondern in einem phantastischen New York, welches willkürlich
auf 1958 datiert wird. Dieses Kunstmittel dient einzig dazu, um völlig
frei von irgendwelchen Publikumserwartungen auf realitätsgetreue Wirklichkeitsschilderung
zu sein. „Hudsucker“ nimmt nur punktuell einiges groteske Zeitkolorit auf, erzählt
aber eine überzeitliche Geschichte. Wie Tarantino bauen sich die Coen-Brüder
ihre Welt aus der New York-Mythologie der amerikanischen Filmgeschichte zusammen.
Dabei plündern sie bei weitem nicht nur die Fünfziger Jahre, sondern
schlichtweg alles. Der Mann neben der riesigen Uhr am Wolkenkratzer – wer denkt
da nicht an Harold Lloyds Stummfilm? Ein gutmütiger Mensch steigt auf phantastische,
zweifelhafte Weise in einem völlig anonymen Großkonzern auf – man
erinnert sich an Billy Wilders Komödie „Das
Appartement“. Und die alptraumhafte,
surreale Bürokratie wurde sichtbar von Terry Gilliams düsterer Zukunftsvision
„Brazil“ aus dem Jahre 1985 inspiriert. Norville Barnes
atemberaubender Aufstieg und Fall gewinnt so einen gleichnishaften Charakter,
dessen märchenhafte Anmutung satirisch durchwirkt ist.
Die zweite Antwort auf die Frage, was Norville Barnes
zum verzweifelten Sprung getrieben hat: Natürlich, eine Frau. Kaum bekommt
die Öffentlichkeit von Norvilles unglaublicher Karriere Wind, heftet sich
Starreporterin Amy Archer (Jennifer Jason Leigh) an seine Fersen. Sie baggert
ihn mit den ältesten Tricks der Welt an, schleicht sich unter falschem
Namen in sein Vertrauen und wird seine Sekretärin bei Hudsucker Industries.
Schnellt enttarnt sie den Blitzkarrieristen als naives Landei, aber ihre Verblüffung
steigt, als sie beim Schnüffeln den Inhalt seines Schreibtisches filzen
will: Nichts, nur ein angespitzter Bleistift. Sein Terminkalender: Leer. Dann
enthüllt ihr Norville stolz seinen geheimsten Plan: er zeigt den Zettel
mit dem „O“. Während Norville hoffnungslos verliebt ist, erscheint zu seiner
Empörung ein Enthüllungsartikel nach dem anderen in der Presse, in
denen er als völliger Armleuchter charakterisiert wird. Jennifer Jason
Leigh und Tim Robbins wandeln hier auf den Spuren der Screwball-Comedies der
Dreißiger und Vierziger Jahre, wobei Leigh als ausgebuffte und mit allen
Wassern gewaschene Sensationsreporterin auf den Spuren von Katharine Hepburn
wandelt.
Die dritte Antwort und letzte Geschichte hebt das
bisher schon sehr groteske Geschehen in eine philosophische Dimension. Oben
in der Vorstandsetage von Hudsucker Industries tagt nicht nur der Vorstand,
sondern dort befindet sich auch das Uhrwerk der großen Uhr am Gebäude.
Unerbittlich schreitet die Zeit voran. Das Hudsucker Hochhaus ist wie eine Festung
der vergehenden Zeit im Meer der Ewigkeit. Wer es bis ganz nach oben geschafft
hat, ist alt. Man raucht Zigarren als Zeichen der Macht, doch jede Macht ist
nur auf Zeit, wie jede noch so lange Zigarre irgendwann ausgeraucht ist. Alle
hier haben sich der Macht verschrieben, alle nehmen tiefe Lungenzüge an
ihrem endlichen Symbol. Es läuft prächtig. Doch Waring Hudsucker hält
es nicht mehr aus. Er stellt seine Taschenuhr auf eine Minute vor Zwölf,
steigt auf den Vorstandstisch, nimmt Anlauf und springt durch das Fenster vom
44.Stock aus der Endlichkeit in die Ewigkeit, genau in dem Moment wo ganz unten
Norville Barnes gerade das erste Mal das Gebäude betreten hat. Peinlich
für den Vorstand und Vize Mussberger: Hudsuckers Aktienpaket könnte
am Neujahrstag 1959 auf den Markt kommen und Auswärtige somit die Firma
übernehmen. Also muss ein offensichtlicher Armleuchter als Marionette der
Öffentlichkeit als neuer Präsident präsentiert werden, um den
Aktienkurs ins Bodenlose fallen zu lassen. Man macht Norville Barnes zum Präsidenten
(nur bis Sylvester) und verpasst ihm eine Zigarre als Statussymbol.
Norvilles Naivität wird von allen ausgenützt,
man macht alle seine Narreteien mit, während er sich auf der Höhe
des Erfolges wähnt. Was der Vorstand nicht bedacht hat, ist, dass Norvilles
kindliches Gemüt noch gar nicht von der Endlichkeit beleckt ist und trotz
aller Anfechtungen durch die Annehmlichkeiten der Macht fast unschuldig die
Ewigkeit für sich hat. Norvilles nur scheinbar schwachsinniger Plan, sein
ominöser „O“ auf dem Zettel, wird in Produktion gegeben. Durch die gigantische
Bürokratie von Hudsucker Industries, von der Entwicklung bis zur Werbung,
entsteht ein „O“ aus Plastik, das sich als nichts anderes entpuppt, als der
Hula-Hoop Reifen. Zunächst eine Misserfolg, denn alle Werbung führt
zu nichts. Erst als zufällig ein Kind den Reifen entdeckt und den „O“ um
die Hüften kreisen lässt, wird es ein gigantischer Erfolg – zum Entsetzen
von Mussburger und dem Vorstand. Wie die Schlange, die sich selbst in den Schwanz
beißt, um einen perfekter Kreis zu bilden, stellt der Hula-Hoop natürlich
ein Symbol der Ewigkeit dar. Ein endloses Spielzeug, allein durch kindliche
Kreativität entstanden und nur mit kindlicher Lebensfreude zu spielen.
Die Coen-Brüder fahren nun alle satirischen Geschütze auf, um die
philosophische Grundidee in einem komischen Feuerwerk zu präsentieren.
Wilde Wochenschau- und TV-Einblendungen über das hysterische Massenphänomen
Hula-Hoop, alles im Retro-Stil der Fünfziger Jahre, am Schluss sogar ein
Anruf von Präsident Eisenhower persönlich: Norville Barnes scheint
ganz oben. Doch die Missgunst und der Neid der endlichen Macht auf die Ewigkeit
und die reine Lebensfreude lassen nicht lange auf sich warten. Ebenso schnell
wie sein Aufstieg kommt sein Fall.
Das Geschehen um Norville Barnes wird durch die Nebenhandlung
um die große Uhr von Hudsucker Industries umspielt. Im Uhrwerk lebt Moses,
die Verkörperung des Lebens, der für den ewigen Fluss der Zeit sorgt.
In der Firma dagegen geht der personifizierte Tod um. Ein älterer kahlköpfiger
Angestellter, der kein Wort spricht und nur eine Aufgabe zu haben scheint. Ist
bei Hudsucker gerade wieder ein Mann aufgestiegen oder abgestürzt, so löscht
er gleichmütig und unerbittlich den alten Namen von der Tür und schreibt
dann den neuen ran. Die Macht endet mit dem Auslöschen von ein paar Buchstaben
im Vergessen.
Sylvester 1958, die gute alte Erde ist dabei, auf
ein Neues die Sonne zu umkreisen – ja „O“. Norville will Schluss machen. Er
springt, doch dies soll der seltsamste Sprung aller Zeiten werden. Denn im Uhrwerk
kämpfen Leben und Tod miteinander. Moses hat das Räderwerk blockiert
und die Zeit steht still, während Norville die Ewigkeit schaut.
Wie es ausgeht, wird natürlich nicht verraten.
Fazit: „Hudsucker“ ist ein Märchen über
die Zeit, über die Vergänglichkeit und die Ewigkeit. Der philosophische
Tiefsinn wird zwar kräftig verhohnepiepelt, die philosophische Tiefe allerdings
niemals verraten. Selbst in den albernsten Momenten wahrt der Film seine untergründige
Ernsthaftigkeit und verliert trotz vieler detailverliebter Gags nie die ebenso
gut durchdachte, wie stilsicher inszenierte Linie.
Gewöhnungsbedürftig bleibt der übersteigerte
und schrille, an manchen Stellen vielleicht zu schrille, Stil für viele
wohl dennoch. An den Darstellern gibt es nur wenig auszusetzen, insbesondere
Paul Newman und Jennifer Jason Leigh wissen zu überzeugen. Tim Robbins
verkörpert seine Rolle als naives Landei ebenfalls interessant, jedoch
ab und an zu exaltiert. Das mag Geschmackssache sein.
„Hudsucker“
ist auf Grund seines eigenwilligen Stils durch die nachfolgenden Filme der Coen-Brüder
etwas in den Schatten gestellt worden. „Fargo“ oder „The
Big Lebowski“ können durch bizarre,
liebevoll aus dem Leben gegriffene Typen punkten, während „Hudsucker“ sich
von seiner Anlage her auf stark stilisierte, bewusst antinaturalistische Figuren
beschränken muss. Eigentlich zu Unrecht vernachlässigt, darf man sich
„Hudsucker“ vielleicht auch schon wieder mal neu entdecken.
Eine Kritik von „Fastmachine“
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: www.ofdb.de
Hudsucker
- Der große Sprung
THE
HUDSUCKER PROXY
USA
- 1994 - 110 min. - Verleih: Concorde, Concorde (VCL/Carolco) (Video) - Erstaufführung:
9.6.1994/24.10.1994 Video/29.10.1995 premiere - Produktionsfirma: Silver/Working
Title - Produktion: Ethan Coen
Regie:
Joel Coen
Buch:
Joel Coen, Ethan Coen, Sam Raimi
Kamera: Roger
Deakins
Musik: Carter
Burwell
Schnitt:
Thom Noble
Darsteller:
Tim Robbins
(Norville Barnes)
Paul Newman
(Sidney J. Mussburger)
Jennifer
Jason Leigh (Amy Archer)
Charles Durning
(Waring Hudsucker)
Jim True
(Buzz)
John Mahoney
(Chief)
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