zur startseite
zum archiv
Räuber
Kneißl
Verwahrlosung
im Blut
Endlich ein bayerischer Western: Marcus
H. Rosenmüller zeigt den "Räuber Kneißl", eine tragische
Figur, die in eine Spirale aus Armut und Verzweiflung gerät.
"De Woch' fangt ja scho guad o",
soll der inhaftierte Kneißl gesagt haben, als man ihm im Februar 1902
die Nachricht vom abgelehnten Gnadengesuch überbrachte und die Vollstreckung
des Todesurteils (Hinrichtung durch die Guillotine) nicht mehr zu verhindern
war. Die Woche fängt ja gut an, eine coole Reaktion, die aber historisch
nicht bezeugt ist. Sie gehört zur Legendenbildung, die den Räuber
Kneißl gern zum tolldreisten Robin Hood oder zum charismatischen Anarcho-Rebellen
stilisieren mag. Im Film sagt er diesen Satz nicht, da zieht er sich verzweifelt
an Gittern des Kerkerfensters hoch und bricht zusammen.
In Marcus H. Rosenmüllers packendem,
brillant besetztem Kneißl-Drama erscheint der Held als ambivalente Figur,
Täter und Opfer zugleich, eigentlich ein grundehrlicher Charakter, der
aber in eine Spirale aus Armut und Ablehnung, Angst und Verzweiflung gerät,
ein Räuber wider Willen, eine tragische Figur. Stilistisch ist Rosenmüllers
"Räuber Kneißl" das genaue Äquivalent zu einer Moritat,
man kann sich den Regisseur wie einen Balladensänger mit Bildertafel auf
dem Jahrmarkt vorstellen. Seine Bilder haben die Naivität von Votiv-Szenen,
wechseln zwischen knalliger Aktion im Gewittersturm und der Romanze bei Sonnenuntergang.
Das Provinzielle geht hier mit dem Weltläufigen zusammen, die bodenständigen
bayerischen Geschichten werden in einem Stil inszeniert, der sich an amerikanischen
Vorbildern orientiert. Schon die rasante Leichtigkeit, mit der Rosenmüller
zwischen den Genres wechselt - und zwischen Männer- und Frauengeschichten
-, wirkt wie klassisches Hollywood.
Sehnsucht nach Amerika
Gleich mit der ersten Szene macht Rosenmüller,
der mit seiner bayerisch-surrealistischen Lausbubengroteske "Wer früher
stirbt, ist länger tot" 2006 bekannt wurde, diesen Stil deutlich:
in einem scherenschnittartigen Bild tauchen der Dorfgendarm Förtsch (Thomas
Schmauser) und der Pfarrer (Andreas Giebel), die Repräsentanten der obrigkeitsstaatlichen
und der kirchlichen Macht, im sanft hügeligen Dachauer Land auf, um - wir
schreiben das Jahr 1892 - die beiden Kneißl-Buben, die wieder mal die
Sonntagsschule geschwänzt haben, abzuholen. Die Amtspersonen müssen
unverrichteter Dinge abziehen, und Förtsch sagt, in fränkischem Dialekt:
"Die Kneißl-Brüder verwahrlosen, sie haben die Verwahrlosung
im Blut".
Die Kneißls sind eine verarmte Gastwirtsfamilie,
die sich mit Wilderei und Diebstahl mehr schlecht als recht durchschlägt,
und der dicht gedrängte, wie ein Rondell wirbelnde Prolog des Films erzählt,
wie das Verhängnis für den jungen Mathias Kneißl (Maximilian
Brückner) seinen Lauf nimmt: der Vater (Michael Fitz) wird bei seiner Verhaftung
von der Polizei erschlagen, die Mutter (Maria Furtwängler) muss wegen Hehlerei
ins Gefängnis, dann werden die Kneißl-Brüder beim Wildern ertappt,
in eine Schießerei verwickelt, inhaftiert, Alois (Florian Brückner)
stirbt im Gefängnis, und als der 24-jährige Mathias schließlich
1899 entlassen wird, will er ein rechtschaffenes Leben führen, Geld sparen
und mit seiner Liebsten, seiner Cousine Mathilde (Brigitte Hobmeier), nach Amerika
auswandern.
Es scheint auch alles gutzugehen, bis
Mathilde beim Tanz im Gasthaus von Förtsch krass beleidigt wird, und Mathias
mit seinem aufbrausenden Wesen in die Falle tappt. Dieser Gendarm Förtsch,
eine diabolische Figur voller Neid auf Kneißls Freiheitswillen, ist der
entscheidende Widersacher. Er treibt Mathias in die Gesetzlosigkeit und wird
mit einer abgründigen Miene des Befriedigtseins beobachten, wie die Polizei-Hundertschaft
den Gejagten zur Strecke bringt. Die Menschen, denen Kneißl begegnet,
ergeben ein vielfältiges Spektrum an Haltungen: von Sympathie über
Opportunismus bis zum unverhohlenen Hass auf den "Zuchthäusler",
und die Auffächerung dieses Spektrums wird zur spannungsreichen Dynamik
der Erzählung.
Für die Ausweglosigkeit und Tragik
Kneißls findet Rosenmüller eindringliche Bilder: Wie er sich hinter
Zäunen und Mauern verschanzt, wie er sich in Kammern verkriecht, wo noch
sein Spiegelbild im Spiegelrahmen gefangen scheint. Zum Kontrast die Sehnsuchtsbilder
der Freiheit, die sonnendurchstrahlten Glücksmomente mit Mathilde: Wenn
er sie aus München mit dem Fahrrad abholt und wie in "Butch Cassidy
& the Sundance Kid" der Freiheit entgegen stürmt. Kneißls
Amerika-Sehnsucht wird ausdrücklich in Western-Referenzen gefasst: von
der Bordell-Szene bis zum Peckinpah-Showdown-Feuerwerk.
Kneißls Verhängnis wird also
nicht mit der Vision vom grandiosen Outlaw ausbalanciert, sondern mit der Liebesgeschichte.
Es wird auch nicht als Verhängnis der sozialen Verhältnisse geschildert
(wie das Reinhard Hauffs "Mathias Kneißl" von 1970 tat), es
erscheint als Schicksalsbild im Gewand eines stilsicheren Genregemäldes.
"Räuber Kneißl" ist Abenteuerfilm und Lovestory, Räuberdrama
und Sittenschilderung, und vor allem, was es seit der Stummfilmzeit nie wieder
gab: ein bayerischer Western.
Rainer Gansera
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der Süddeutschen Zeitung
Räuber
Kneißl
Deutschland
2008 - Regie: Marcus H. Rosenmüller. Buch: Karin Michalke, Christian Lerch.
Kamera: Stefan Biebl. Schnitt: Georg Söring. Szenenbild: Josef Sanktjohanser.
Musik: Gerd Baumann. Mit: Maximilian Brückner, Brigitte Hobmeier, Thomas
Schmauser, Maria Furtwängler, Christian Lerch, Andreas Giebel, Michael
Fitz, Florian Brückner, Isabella Brückner, Stefanie von Poser, Adele
Neuhauser, Sigi Zimmerschied, Tilo Prückner, Eisi Gulp, Rosalie Thomass.
Movienet, 115 Minuten. Dt.
Start: 21.08.08
zur startseite
zum archiv