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Wer nur den frühen, harlekinesken Woody
Allen im Kopf oder nur seine allerneuesten, manchmal etwas beiläufiger
und milder wirkenden Komödien kennt, mag leicht vergessen, daß die
Form, in der er eigentlich brilliert, die Tragikomödie ist. Die selbstzerfleischende
Beziehungskatastrophe „Annie
Hall“ wäre nur ein
halbes Meisterwerk, wenn er im Herzen all seiner gutgelaunten Episoden nicht
auch einer der traurigsten Filme wäre, die je über die Liebe geschrieben
wurden. Ebenso wäre „Manhattan“ nur verlorener Grandeur, wenn neben Süße
nicht auch so viel Bitterkeit herrschen würde.
Direkt im Anschluß an diese beiden
legendären Werke (und seine Bergmann-Hommage „Interiors“) drehte Allen
1980 seine „Stardust Memories“: Einen Film, der damals Kritiker wie Fans beleidigte
und dessen Erwähnung heute gerne in Aufzählungen absichtlich vergessen
wird; einen Film, den Allen selbst die längste Zeit als seinen Lieblingsfilm
im eigenen Śvre bezeichnete; ein beißendes, wütendes, horrendes Werk,
zum Schreien komisch, wunderschön und voller schwerer Tragik; eine unbedingte
Wiederentdeckung also.
Schnell wird klar, warum dieser böse
Zwilling von Fellinis „Achteinhalb“ (künstlerisch in einer sehr ähnlichen
Phase gefilmt – überfordert von Publikumserwartungen) zu seiner Zeit so
schockierte: Das Allen-Alter-Ego Sandy Bates, seines Zeichens Komödienregisseur
und Frauenheld, muss sich mit Verrückten an allen Fronten herumschlagen:
Seine Haushälterin fackelt fast die Wohnung ab, der Chauffeur ist ein gesuchter
Scheckbetrüger, die Studiobosse wollen seinen neuen Film beschneiden und
aus dem (herrlich selbstmitleidigen) Stück Sozialtragödie noch schnell
einen Slapstickfilm machen und seine Fans bestürmen ihn im Sekundentakt
mit Wurstgeschenken, Liebesdiensten und kruden Drehbuchideen. Selbst die herabschwebenden
Außerirdischen nerven ihn mit gutgemeinten Ratschlägen.
Als wäre das des Rundumschlags noch
nicht genug, besetzt Allen den kompletten Zirkus mit hässlichen Freaks,
die unablässig auf die Kamera zustürmen, ein Meer an gleichzeitig
agierenden Sprechrollen. In der Tat spricht aus dem Werk unbestreitbar so etwas
wie ein genuiner Hass auf die gesamte Menschheit, unter besonderer Berücksichtigung
der Filmindustrie – aber wer sagt, daß Hass nicht unterhaltsam sein kann?
Das war bei Fellini kaum anders, und hier wie dort sorgen die Frauen und die
Phantasie für gelegentliche Erleichterung und Entspannung: Ganz Allen-untypisch
häufen sich die Traumsequenzen, Film-im-Film-Sequenzen, innerszenische
Zeitsprünge, Realitätsbrüche und Nahtoderfahrungen. Frauen gibt
es hier weniger als bei Fellini, aber immer noch weit mehr als die übliche
Allen-Quote (vor allem die lasziv-medikamentöse Charlotte Rampling fällt
auf). Das alles in Gordon Willis’ trostlos-elegischem Schwarzweiß gefilmt
und mit den mitreißendsten Jazzrhythmen unterlegt – es ist ja bekannt,
daß Allen mit Vorliebe die schwungvollste Musik in die tragischsten Filme
mischt, und hier hat man manchmal das Gefühl, ganz New Orleans würde
hinter der Kamera vorbeijubilieren. Eine wunderbare Kontrastierung in einem
Film, der den berechtigten Mut zeigt, Momente größter Einsamkeit
oder Romantik mit gröbsten Gemeinheiten und Lästerungen zusammenzumontieren.
Eine ähnliche narrative Dichte (die
mehrmaliges Sehen geradezu fordert), ein vergleichbares Stimmgewusel und einen
artverwandten Nihilismus hat Allen eigentlich erst wieder in seiner letzten
Hochphase Ende der 90er präsentieren können, namentlich mit seinen
schonungslosen Showbiz-Satiren „Deconstructing
Harry“ und „Celebrity“ –
die sein Publikum dann auch ähnlich verstört haben wie dieser viel
zu lange vergessene Klassiker. Man eckt eben nur mit zwei Themen so richtig
an, wie Sandy Bates lakonisch beklagt: Kunst und Masturbation. Und leider sind
ausgerechnet das seine beiden Spezialgebiete.
Dieser
Text ist nur erschienen in der filmzentrale
Stardust
Memories
Stardust
Memories. USA
1980.
R,B,D: Woody Allen. K: Gordon
Willis.
S: Susan
E. Morse.
M: Dich
Hyman. P:
United Artists, Rollins-Joffe Prod. D: Charlotte
Rampling, Jessica Harper, Marie-Christine Barrault, Tony Roberts, u.a.
91 Min.
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