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Todeszug nach Yuma
Ob schiere Verzweiflung oder schlicht
„good old sense“ – mit James Mangolds Todeszug nach Yuma kommt nun auch der Western in Hollywood zu Remake-Ehren. Im Fahrwasser
von Andrew Dominiks Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford setzt Todeszug nach Yuma das derzeitige Western-Revival in würdiger Manier fort.
Formal steht Mangolds Film Kevin Costners im besten Sinne traditionellem Old-Westerner-Epos
Open Range jedoch näher als dem ätherischen Spätwestern-Entwurf
von Dominik. Mangold hat sich erstaunlich eng an Delmer Daves’ Original gehalten,
bis hin zu den markigen Dialogen aus der Feder Elmore Leonards, der vor fünfzig
Jahren die Vorlage lieferte. 3:10 to Yuma galt seinerzeit neben High Noon als Prototyp des psychologischen Westerns, der seine Konflikte
nicht mehr in der Weite des amerikanischen Westens verankerte, sondern in den
Figuren selbst. Die Konstellation war dabei denkbar einfach – die vorbürgerlichen
Vorstellungen von Zivilisation gegen das Prinzip des Wilden Westens zu verteidigen
–, doch die daraus resultierenden Widersprüche stellten die sich gerade
formierende Zivilgesellschaft auf eine harte Probe. Es waren moderne Western,
die die inneren Zwiespälte einer archetypischen Gestalt vom Schlage John
Waynes weit in den Schatten stellten.
Mangold erweitert mit seinem großartigen
Remake das Problemfeld von Leonards Vorlage, ohne die Geschichte unnötig
zu verkomplizieren. Das allein ist ihm hoch anzurechnen. Todeszug nach Yuma lebt von derselben ökonomischen
Raffinesse wie Daves’ Original; der Plot entwickelt sich schnörkellos und
zwingend, die Nebenschauplätze der Handlung bleiben übersichtlich
und verleihen dem zentralen Konflikt zusätzliche Tiefe.
In den Grundzügen weicht
Mangold nur geringfügig von der Struktur des Originals ab. Gleich mit der
Eröffnungssequenz allerdings etabliert das Drehbuch von Michael Brandt
und Derek Haas die Figur des Ranchers Dan Evans, gespielt von Christian Bale,
als Kämpfernatur, während sich ein interner Konflikt bereits abzeichnet:
der zwischen Vater und Sohn. Als mitten in der Nacht ein Gläubiger die
Scheune der Evans’ niederbrennen lässt, ist es Dans ältester Sohn
Will (Logan Lerman), der sich todesmutig in die Flammen stürzt, um die
letzten Habseligkeiten zu retten. Dan hat im Bürgerkrieg ein Bein verloren, und unter diesem Handicap
hat sein Selbstwertgefühl als Ernährer seiner Familie schwer gelitten.
So wird Dans Motivation, bei der Auslieferung des Outlaws Ben Wade (Russell
Crowe) an die Behörden mitzumachen, bei Mangold noch etwas deutlicher.
Wie schon das Original steht und
fällt auch Todeszug
nach Yuma
mit seinen Darstellern; und hier kann Mangold sich auf sein bis in die Nebenrollen
hervorragend besetztes Ensemble (u.a. Gretchen Mol, Peter Fonda, Alan Tudyk)
verlassen. Mit Christian Bale und Russell Crowe in den Hauptrollen erzielt Mangold
zudem einen anderen Effekt als seinerzeit Daves mit Van Heflin und Glenn Ford.
Heflin hatte wenige Jahre zuvor in Shane die Figur des rechtschaffenen Ranchers
und Familienvaters auf ewig in der Westerntypografie verankert. In 3:10 to Yuma zehrte er noch einmal von diesem
Bonus; seine Physiognomie taugte einfach nicht zum strahlenden Helden – erst
recht nicht mit einem geschmeidigen Charmeur wie Ford als Gegenüber. Bale
dagegen reicht allein schon sein markanter, stechender Blick, um seinem Dan
Evans eine gefährliche Unnachgiebigkeit zu verleihen.
Was Mangolds Version von Daves’
Film in erster Linie unterscheidet, ist der düstere Unterton, der Todeszug nach Yuma um den rechtschaffenen Optimismus
des Originals bringt. Bei der Wahl dieser Hauptdarsteller ist es eine fast konsequente
Entscheidung, dass Mangold seine Geschichte offensichtlicher ausspielt, nicht
zuletzt um dem Film einen zeitgemäßen Anstrich zu verpassen. Dass
die Bösen noch etwas niederträchtiger und rücksichtsloser gezeichnet
werden, ist allerdings eine zu verschmerzende Konzession; ihr verdankt der Film
einige seiner denkwürdigsten Auftritte. Crowes Ben Wade hat nichts mehr
von dem manipulativen Gentlemankiller, wie Ford ihn bei Daves verkörperte.
Er ist ein Psychopath, wie er im Buche steht (allerdings mit einer künstlerischen
Ader; die Zeit vertreibt er sich mit Bleistiftzeichnungen). Sein Adjutant, gespielt
von Ben Foster, steht ihm in nichts nach.
Die zeitgemäßen Retuschen
machen Todeszug
nach Yuma
nur noch effizienter, obwohl Mangolds Remake sogar eine gute halbe Stunde länger
als das Original ausfällt. Der Überfall auf den Goldtransport am Anfang
des Films ist eine mustergültige Actionsequenz, deren Dynamik allein aus
der Inszenierung heraus entsteht, statt wie üblich aus der Montage. Mangold
erweist sich erneut als kompetenter Regisseur mit einem guten Gespür für
die Mechanik und Funktionsweisen des Genres. In seinen Händen wird Todeszug nach Yuma zu einem historischen Actionfilm,
der die Regeln (nicht so sehr die Konventionen) des Westerns vollkommen verinnerlicht
hat. Gleichzeitig liefert er auch einen letzten, bitteren Kommentar auf die
Figur des Pioniers, der in seiner Fortbewegung immer auf die nachfolgende Modernisierungswelle
angewiesen war. Im Grunde ist auch Bales Charakter ein Getriebener, weil der
Fortschritt nur durch sein Verschwinden, das Verschwinden des Pioniers, gewährleistet
ist. So muss sich bei Mangold – im Gegensatz zu Daves – zwangsläufig ein
Generationenwechsel vollziehen. Ein zaghafter Optimismus klingt da an, aber
Verluste sind unvermeidlich.
Andreas Busche
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: epd Film 12/2007
Todeszug nach Yuma
3:10 to Yuma
USA 2007. R: James Mangold. B: Halsted Welles, Michael
Brandt, Derek Haas (nach einer Kurzgeschichte von Elmore Leonard). P: Cathy
Konrad. K: Phedon Papamichael. Sch: Michael McCusker. M: Marco Beltrami. T: Jim Stuebe. A: Andrew Menzies, Greg Berry. Ko: Adrianne Phillips. Pg: Lionsgate/ Relativity/Tree Line. V: Sony.
L: 120 Min. Da: Russell Crowe (Ben Wade), Christian Bale (Dan Evans), Peter
Fonda (Byron McElroy), Gretchen Mol (Alice Evans), Ben Foster (Charlie Prince),
Start: 13.12.2007(D)
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