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Vertigo
–
Aus dem Reich der Toten
Madeleine…
verzweifelt gesucht
Vor 50 Jahren, am 9. Mai 1958, wurde
„Vertigo“ in San Francisco uraufgeführt. Zwischen 1973 und 1983 war Alfred
Hitchcocks Meisterwerk für den Verleih gesperrt. Persönliche Erinnerungen
an eine filmhistorische Lücke.
In der Schulzeit hatten wir Hitchcock-Groupies
einen geflügelten Spruch: „Alma, gib die Filme frei!“ Alma, das war die
Witwe von Alfred Hitchcock. Aus purer Bosheit, so glaubten wir, rückte
sie fünf seiner Filme nicht zur Wiederaufführung heraus. Darunter
zwei schwarze Perlen, die zur Jugendzeit unserer Eltern noch im Kino geglänzt
hatten: „Das
Fenster zum Hof“ und,
vor allem, „Vertigo“.
Auf einer USA-Reise hatte ich Donald Spotos
Buch „The Art of Alfred Hitchcock“ erbeutet, in dem jeder Schritt des Scottie
Ferguson nacherzählt wurde, jede Haarnadelkurve auf der Spur einer rätselhaften
Blondine namens Madeleine Elster, die im Grunde genommen gar nicht existierte.
Ein weibliches Phantom in einem Phantom von Film, den ich mir im Kopf zusammensetzen
musste – wie ja die Heldin ebenso das Konstrukt zweier Männer war, des
Betrügers Gavin Elster und des Betrogenen Scottie Ferguson.
Eingeweiht war ich auch in den Dreh der
Geschichte, den Hitchcock im Film früh verrät: dass hinter der Maske
der eleganten Madeleine die bodenständige Brünette Judy steckt. Judys
Tragödie besteht in ihrer Bereitschaft, sich von Scottie in Madeleine zurückverwandeln
zu lassen, sich selbst aufzugeben, symbolisch Selbstmord zu begehen. Aber von
solchen Feinheiten konnte ich nichts ahnen, wie überhaupt das ganze fatale
Beziehungsgeflecht von „Vertigo“ den bewegten Bildern vorbehalten blieb, von
denen der Plot nichts wusste. Vor allem James Stewarts Besessenheit muss man
sehen und hören: Ein moderner Pygmalion, der durch die reale Frau hindurchblickt
wie durch Glas, dann an ihren dunklen Haaren hängen bleibt und fast dämonisch
über sie hinweg flüstert: „The Colour of your Hair!“ Ein bodenloser
Satz.
Obsessionen. Ich war wirklich ein Hitchcockianer.
Meine Manie lässt sich nur mit dem kollektiven Furor vergleichen, von dem
heute Harry-Potter-Fans ergriffen werden, wenn die neueste Buch- oder Filmpremiere
ansteht. Die meisten Filme meines Meisters waren ja schon im Fernsehen gelaufen.
Mit 11 litt ich mit „Marnie“ – die wir „Klepto-Marnie“ nannten –
und bekam eine erste Ahnung davon, dass es so etwas wie verdrängte Erinnerungen
gibt. Dem 15-Jährigen flatterten „Die
Vögel“ durch die
Alpträume.
Bald verschlang ich Truffauts Interviewbuch,
in dem ausgerechnet „Vertigo“ vergleichsweise knapp und kühl abgehandelt
wurde. Offensichtlich sträubte sich Hitchcock dagegen, viele Worte über
einen Film zu verlieren, der vom Gros des Publikums links liegengelassen worden
war – was sich gewaltig geändert hat. „Vertigo“ ist einer dieser Filme,
die nicht nur schön altern, sondern mit jeder Betrachtung an emotionaler
und intellektueller Tiefe gewinnen.
Alma gab die Filme nicht frei. Und ich
phantasierte weiter von einem Meisterwerk mit dem alten Verleihtitel „Aus dem
Reich der Toten“, dessen Wiederkehr in den Sternen stand. In meinen Träumen
verquirlten sich eigene Erlebnisse mit allen möglichen Hitchcockfilmen
und „Vertigo“-Antizipationen; wirre Szenarien waren das, die kein Scriptdoctor
hätte retten können. Wie durch einen Türspalt schwebte auch Kim
Novak herein, als Traum- und Schaumgeborene, die bald über einen Hotelteppich
auf mich zugeschritten kam, von neongrünem Nebel umflort, bis sich der
Schleier lichtete und Madeleine mir ein klares, doch scheues Lächeln schenkte
– immerhin diesen einen Filmausschnitt hatten sie im Fernsehen gezeigt.
Für mich ist es das schwindelerregendste
Bild des Kinos überhaupt geblieben, weil Hitchcock das blonde Gespenst
im grauen Schneiderkostüm realer wirken lässt als das nette Mädchen
von nebenan, das in der Maske steckt – schon verschwunden und fast vergessen.
Merkwürdig: Hitchcock hat uns doch längst in die Karten gucken lassen.
Wir wissen von der gezinkten Herz-Dame, aber das ist nicht, was wir sehen. Wir
sehen und fühlen, was Scottie wahrnimmt: Madeleine forever. Hitchcock lockert
die Schraube, die Ratio und Gefühl verbindet, er jongliert mit den Gehirnhälften,
bis uns schwindlig wird.
Alma Hitchcock starb 1983, drei Jahre
nach ihrem Mann. Die Wiederaufführungen verdankten wir schließlich
Patricia Hitchcock, der Tochter. Was ich nicht wusste: Ihr Vater hatte die Rechte
jener fünf „lost Hitchcocks“ in den späten 60ern selbst zurückgekauft.
Eine Art „Verknappungsmarketing“ vielleicht, die seinen Erben ja tatsächlich
eine ordentliche Rendite aus den Filmen verschafft hat. Allerdings fielen künstlerische
und geschäftliche Erwägungen bei Hitchcock häufig zusammen, und
so stelle ich mir vor, dass ihn im Fall von „Vertigo“ gereizt hat, auch einen
Mythos zu befördern.
In der Tat war meine Erwartung auf dem
Siedepunkt, als die ersten Trailer im Frühjahr 1984 über die Leinwände
flimmerten. Ich büffelte fürs Abitur, kämpfte sozusagen mit meiner
eigenen Höhenangst, und durfte nun Scottie mitsamt seiner janusköpfigen
Geliebten erstmals begegnen, wenn auch unter schwierigen Bedingungen: Hitchcocks
chef-d´oeuvre inconnu diente im Großraum Hamburg zunächst als
Programmfüller in einem Vorort-Schachtelkino! Die Leinwand war winzig,
der Ton dumpf, aufgrund eines Kopierwerkfehlers tönte Bernard Herrmans
wagnerianischer Score zeitweilig wie Leierkastenmusik. Ohnehin brauchte ich
Zeit und ein gutes Dutzend weitere Kinovorstellungen, mir meine irrigen, aus
Sekundärquellen und einer Filmmusikschallplatte gespeisten „Vertigo“-Bilder
aus dem Kopf zu spülen. Mein erster Date
mit Madeleine war also eine Enttäuschung auf hohem Niveau, ähnlich
wie den Erzähler in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“
die erste Begegnung mit der Schauspielerin La Berma ratlos zurücklässt.
Erschwerend kam hinzu, dass Hitchcocks
Madeleine (eine Verbeugung vor Prousts erinnerungsstimulierendem Eiergebäck?)
mit der deutschen Stimme der Rancherin Sue Ellen aus der Fernsehserie „Dallas“
sprach, während aus James Stewarts Mund immerhin noch der helltimbrierte
Zungenschlag von Siegmar Schneider tönte. Die 58er-Synchronfassung mit
Schneider und der rauchigen Gisela Trowe gilt als verschollen, doch wer partout
keine Untertitel zuschalten will, ist mit der inzwischen dritten Synchronisation
auf der DVD gar nicht so schlecht bedient.
Nebenbei bemerkt: Im Gegensatz zum einhellig
positiven Urteil über die Farbrestaurierung durch Harris und Katz scheiden
sich am 1996er-Stereo-Remix der Tonspur die Geister. Mich hat damals, anno 1985
in einem Frankfurter Raucherkino, die noch monoaurale Originalfassung mit einem
schwerfällig-schwermütig artikulierenden Stewart derart gepackt, dass
ich mir die Zigarette verkehrt in den Mund schob und den Filter in Brand setzte.
Es saßen gottlob keine Pyrophobiker im Kino.
Wer hat eigentlich wirklich den berüchtigten
Vertigo-Effekt erfunden? Ob Hitchcock – der Leistungen seiner Mitarbeiter gern
unterschlug – selbst auf die technische Lösung einer Kopplung von Kamerafahrt
und gegenläufigem Zoom verfiel, scheint mir fraglich. Die Wirkung ist jedenfalls
bestürzend: Mit Scottie, der bleiernen Schrittes der flinken „Madeleine“
zu folgen versucht, blicken wir von oben ins Treppenhaus des Glockenturms herab.
Als stünden wir im Inneren einer Luft ansaugenden Ziehharmonika, weitet
sich die Perspektive, zieht sich der Fußboden sogartig zurück.
Im Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben
Sie das gemacht?“ tippt François Truffaut auf „eine Kamerafahrt zurück,
kombiniert mit einem Zoom nach vorn“. Der Meister antwortet: „Ja, das ist richtig.“
Truffaut und Hitchcock irren sich (auch in der aktuellen Auflage). Es war genau
umgekehrt: vom Treppenhaus-Set wurde ein Modell angefertigt, das man waagerecht
auf den Boden legte. Die Kamera fuhr ins Modell hinein und das Zoomobjektiv
wurde aus mittlerer Tele- in die Weitwinkelstellung zurückgeschraubt. Tele-Einstellungen
verzerren die Perspektive nicht, sie verflachen sie. Zufällig weiß
ich das, ich habe nach der Schule eine Fotografenlehre absolviert. Die meisten
Autoren haben Truffauts Vermutung leider ungeprüft übernommen – Donald
Spoto, Enno Patalas, Georg Seeßlen („Kino der Angst“, S.165), auch Susanne
Marschall auf Seite 160 ihres profunden „Vertigo“-Kapitels in dem großartigen
Buch „Farbe im Kino“. Den Push-Pull-Effekt erklärt allein James Monaco
in seinem Handbuch „Film verstehen“ richtig.
„Hitchcock verstehen“ wäre ein illusionäres
Ziel. Mir jedenfalls ist es nach gut 30-maliger Betrachtung nicht gelungen,
den elaborierten Schwindel, den „Vertigo“ erzeugt, seine raffinierte Wirkungsdramaturgie
wirklich zu durchschauen. Das Erzählgeflecht changiert bei jedem Wiedersehen
in anderen Farben. Gilles Deleuze hat das hitchcocksche Bildfeld als Webrahmen
beschrieben, in dem sich symbolische Akte und filmische Aktion durchdringen
wie Kette und Schuss. Es ist dieses „mentale Bild“, wie Deleuze es nennt, das
einen Tiefenstrudel erzeugt, aus dem man weder auftauchen kann noch will.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
im: film-Dienst
Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Vertigo
- Aus dem Reich der Toten
VERTIGO
Aus
dem Reich der Toten
USA
- 1958 - 128 min. – Scope - Verleih: UIP (Erstverleih: Paramount), Universal
(Video) - Erstaufführung:
3.2.1959/Neustart
1984/21.5.1966 ARD/30.12.1989 DFF 1/13.8.1999 Video - Produktionsfirma:
Regie:
Alfred Hitchcock
Buch:
Alec Coppel, Samuel Taylor
Vorlage:
nach dem Roman "D'Entre Les Morts" von Pierre Boileau und Thomas Narcejac
Kamera:
Robert Burks
Musik:
Bernard Herrmann
Schnitt:
George Tomasini
Special
Effects: John Fulton
Darsteller:
James
Stewart (John "Scottie"
Kim
Novak ("Madeleine Elster"/Judy B.)
Tom
Helmore (Gavin Elster)
Barbara
Bel Geddes (Midge Wood)
Konstantin
Shayne (Pop Liebl)
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