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Weiße
Lilien
Futuristisch-unterkühlt geht es
zu in Christian Froschs Architektur-Meta-Thriller "Weiße Lilien"
Wenn ein Kritiker einen Film hasst (das
kommt vor), dann klingt das zum Beispiel so: "Ein konfuser futuristischer
Thriller, in dem eine Schizophrene auf der Flucht vor ihrem sie schlagenden
Mann in einem riesigem Appartementblock wahnsinnig wird.
'Weiße Lilien' wäre gern hip und gruselig, ist in Wahrheit
aber nichts als ein dümmliches Pastiche. Der Versuch des Regisseurs Christian
Frosch, Gesellschaftskritik mit Elementen aus 'Ekel'
und 'Persona' zu versetzen, scheitert auf ganzer Linie
in einem Film, dessen Chancen außerhalb des deutschen Marktes gleich Null
sind." Das Urteil
ist tödlich, denn es steht im einflussreichen, in der Regel übrigens
gar nicht blöden oder populistischen Branchenfachblatt Variety. Der Verfasser
der Kritik heißt Eddie Cockrell und was die Marktchancen angeht hat er
wohl recht, nicht einmal nur aus Gründen des
zu erwartenden self-fulfilling-prophecy-Effekts.
Den Film aber hat er nicht verstanden.
"Weiße Lilien" ist kein Möchtegern-Thriller. Im schlimmsten
Fall ist er, wenn schon, Möchtegern-Kunst, die in ihrer Anstrengung, Kunst
zu sein, Schnitt für Schnitt zu erstarren droht. Allein, hoch virtuos ist
gerade die Art, in der der Film die drohende Erstarrung und die Verfestigung
zum Genre wie zur bloßen Stilübung mit jeder Vorwärtsbewegung
vermeidet. Gewiss, er ist ein Pastiche und er will es sein, jedenfalls wenn
man Pastiche als eine Auseinandersetzung mit Mustern und Konventionen versteht,
die nicht zum Nennwert genommen werden. Oder die man antäuschungsweise
zum Nennwert nimmt, um sie dann zu drehen, zu wenden, auf den Kopf zu stellen
oder ad absurdum zu führen.
Das ist es, was Christian Frosch in "Weiße
Lilien" tut. Er rückt eine Frau namens Hannah Schreiber (grandios:
Brigitte Hobmeier) ins Bild, aber sie einfach so "schizophren" zu
nennen, vereinfacht die Sache gewaltig. Weil es eine Psychologisierung wäre,
also eine Rückführung unerklärlicher oder zum mindesten unerklärter
Geschehnisse auf ein derangiertes Innenleben. In Wahrheit geht es jedoch um
ein derangiertes, bei lebendiger Narration seziertes Außenleben: das dieses
Films nämlich, der Bild an Bild rückt, ohne dass das eine Bild schon
wüsste, was im nächsten geschieht. Die Tücke - und die Spannung
und die Finesse - liegt zu großen Teilen in der Montage (meisterlich:
Michael Palm), denn zwischen Schuss und Gegenschuss kann alles passieren.
Zu behaupten, der Film scheitere in seiner
Bemühung, ein Thriller zu sein, das ist, als werfe man einem Lyriker vor,
das sei aber keine Prosa, die er da schreibt. Die Elemente eines Thrillers sind
in "Weiße Lilien" völlig wiedererkennbar vorhanden und
mit denen, ebenfalls wiedererkennbar, einer Science-Fiction-Dystopie verschnitten.
Nur geht der Film weder im einen noch im anderen noch in der bloßen Kombination
von beidem auf. Am ehesten ist er eine Art Essay (aber ein spannender, ein dystopischer
Essay) über genau das: das Nicht-Aufgehen selbst.
Räumlich ist alles ganz konzentriert:
auf eine anonyme riesige Appartementanlage, die Neustadt heißt (gedreht
in der digital überarbeiteten Wiener Alt-Erlaa-Siedlung). Darin geht es
um. Eine junge Frau stürzt sich aus ihrer Wohnung im elften Stock. Ein
Mann namens Ludwig von Auerbach (Peter Fitz) zieht Fäden im Hintergrund
und fliegt in die Luft. Der Sicherheitsdienst verbreitet Schrecken und Angst.
Hannah Schreiber flieht vor dem Mann, der sie schlägt, in die Arme eines
Mannes (gespielt vom Theater-Star und Tatort-Kommissar Martin Wuttke), der in
der totalitären Hierarchie der Neustadt sehr hoch rangiert. Später
wird ein anderer Mann (dargestellt von Fassbinder-Star Günter Kaufmann)
als Agent verhaftet.
"Weiße Linien" ist ein
Film unklarer Machenschaften in grandios genauer Mise-en-Scene. Der Sog, den
er entwickelt, ist weder - wie der erste Blick vielleicht suggeriert - von Lynch
noch von Bergman geklaut, sondern sehr eigenständig aus dem Zusammenspiel
von Inszenierung, Montage und nicht zuletzt der auf die haargenau richtige Temperatur
runtergekühlten Darstellung der durchweg exzellenten Schauspielerinnen
und Schauspieler erarbeitet. Ihr Spiel (Johanna Wokalek als Mitbewohnerin unbedingt
noch zu erwähnen) balanciert, wie der ganze Film, haarscharf auf der Linie
zwischen primären Unheimlichkeitseffekten und bewusstem Gefühls- und
Versatzstück-Pastiche. Diese Grenze ist es, auf die es "Weiße
Lilien" ankommt. Wer nicht, wie der Variety-Kritiker, das Klischee sucht
und die vermeintlichen Vorbilder, auf die sich Regisseur Christian Frosch immer
nur doppelbödig bezieht, der wird den Blick für die Dauer seiner 96
Minuten von diesem Film nicht ohne weiteres wenden wollen.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: www.perlentaucher.de
Weiße
Lilien
Österreich
/ Deutschland / Luxemburg / Ungarn 2007 - Regie: Christian Frosch - Darsteller:
Brigitte Hobmeier, Martin Wuttke, Johanna Wokalek, Erni Mangold, Walfriede Schmitt,
Xaver Hutter, Gabriel Barylli Start (D): 11.09.08
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