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Wie
man sieht
Wie
man sieht, was man sieht
Über einen Film von Harun Farocki
Harun Farockis Film WIE MAN SIEHT kann
man sehen, man kann ihn aber auch lesen. Es gibt ihn als Film und als Buch.
In der Zeitschrift „Die Republik", herausgegeben von Petra und Uwe Nettelbeck
(Nummer 76-78, 9. September 1986), ist ein Beitrag von Farocki abgedruckt, der
Texte und Bilder aus dem Film neben anderen Texten und Bildern enthält.
Die Anordnung ist hier eine andere als im Film. Das hat seine Logik: Wer den
Film besichtigt, ist mit der Verknüpfung der Dinge beschäftigt, die
er zu sehen und zu hören bekommt. Die Verknüpfungen, die der Film
mit seiner Montage vorschlägt, sind eine Möglichkeit, nachzudenken
und zu vorläufigen Ergebnissen zu gelangen. Aber das Nachdenken geht weiter,
und es geht manchmal auch zurück. Der Text und die Bilder der Buchfassung
machen Vorschläge, wie man durch andere Verknüpfungen das Nachdenken
neu organisieren und die Ergebnisse variieren, sie gelegentlich auch präzisieren
kann.
Ich habe den Film gesehen und mir dabei
Notizen gemacht, später das Material in der Zeitschrift nachgelesen. So
wie Filmbilder und Kommentare (auch) gelesen werden wollen, kann man die abgedruckten
Bilder und Texte zu Filmen, Filmteilen zusammenstellen. Man muß sich dabei
nicht an den gesehenen Film halten. Mein Versuch, über Farockis WIE MAN
SIEHT zu schreiben, kann ein Versuch sein, die Bewegungsform des Nachdenkens,
die hier ausprobiert wurde, in die Bewegungsform des Schreibens einfließen
zu lassen. Dabei kann es passieren, daß ich Texte zitiere, die zum Film
gehören, aber nicht (oder nicht in der zitierten Form) dem Film, sondern
dem Material in „Die Republik" entstammen.
An einer Stelle seines Films erläutert
Farocki, warum sich der Wankelmotor gegen das schlechtere Prinzip des Hubkolbenmotors
nicht hat durchsetzen können: „Das schlechtere Prinzip wurde in hundert
Jahren so sehr verbessert, und damit gestützt, daß es von einem besseren
nicht verdrängt werden konnte. Wie auch der Kapitalismus schon lange so
verbessert und gestützt wird, daß er ein im Grundsätzlichen
schlüssigeres Verfahren kaum zu fürchten hätte." Die Stabilität
des Kapitalismus: das ist der Gegenstand von WIE MAN SIEHT. Nach der Ära
der gescheiterten Revolte besteht offenbar ein stillschweigender Konsens darüber,
die Stabilität des Kapitalismus - die deprimierendste Widerlegung alle
Theorien, die um 1968 sein Ende nicht als Zielpunkt, sondern als unanfechtbare
Prämisse gesetzt hatten - als gegeben hinzunehmen, sozusagen als historische
Absurdität, die man akzeptieren muß, mit der sich die Wirklichkeit
gegenüber der Theorie aber wieder einmal ins Unrecht setzt. Farocki ist
damit nicht zufrieden. Er besteht mit flexiblem Starrsinn darauf, daß
die alten Fragen noch immer die richtigen seien, daß man sie aber neu
und anders stellen müsse. Die Stabilität des Kapitalismus ist für
ihn ein Untersuchungsgegenstand. Er untersucht ihn an Produkten wie den Autobahnen,
an Aggregatzuständen wie dem Krieg, an Relationen wie der zwischen der
Weberei und dem Rechnen, an der Pornographie, am Phänomen der Konversion:
der Umstellung von der Kriegsgüterproduktion zu der von Nichtkriegsgütern.
Farockis Untersuchung gibt keine Antworten, sie fordert auf, mit dem Fragen
nicht aufzuhören.
Die Existenz der Autobahn in der Bundesrepublik
und ihre nationalsozialistische Entstehungsgeschichte inspirierten Farocki,
in Buch und Film die gedachte Form der Geraden zu problematisieren. Die Nazis
haben (nicht nur, aber vorwiegend) schnurgerade Autobahnen gebaut. Ein brutaler
Metzger säbelt gerade Schnitte in die Tierkörper. Die Kolonialisten
haben Afrika mit dem Lineal aufgeteilt und Tausende Kilometer von geraden Linien
durch den Kontinent gezogen. Aber: Heute folgen die deutschen Autobahnen eher
den Unregelmäßigkeiten der Landschaft, selbst Autobahnbrücken
schmiegen sich der Geographie an (Farocki zeigt das sehr schön mit Bildern
der Werrabrücke von 1937 und nach ihrer Wiedererrichtung). Der Schlachter
in dem gleichnamigen Chabrol-Film schneidet das Tier, wie es gewachsen ist -
„indem er es zerlegt, würdigt er Wachstum, Leben, Geschichte des Tieres."
Die Gerade hat also etwas mit der Leugnung
von Geschichte zu tun: Ihre Brutalität besteht darin, Geschichte nicht
gelten zu lassen. Die Kolonialgrenzen in Afrika belegen das schlagend. Die Strategen
des Neo-Kolonialismus haben übrigens längst erkannt, daß diese
Aufteilung für die Entwicklung des Kontinents nicht günstig war. Der
moderne Kapitalismus ist von seinen Fähigkeiten und Einsichten her über
die Gerade hinausgewachsen. Einerseits. Andererseits hat er den Funktionalismus
hervorgebracht (den die Formen der Postmoderne heute keineswegs grundsätzlich
widerlegen, nur etwas aufbessern). Früher haben Stuck und Schnörkel
die menschliche Arbeit zu verstecken versucht. Der Funktionalismus hingegen
bekennt sich zur geraden Linie und ornamentlosen Fläche, weil es nichts
mehr zu verstecken gibt: Im Zeichen der Automation verschwindet die menschliche
Arbeitskraft - die im Berliner AEG-Gebäude
zwar schon „in die Funktionale gerutscht",
aber noch ein historischer Faktor war -tendenziell aus der Geschichte.
Die Nazis, meint Farocki, bauten die Autobahnen
für den Krieg, und sehr viel später im Film greift er diesen Gedanken
auf, wenn er sagt: „Für ein neues Verkehrssystem ist ein neuer Krieg zu
fürchten." Im Hinblick auf die friedliche Nutzung der Raumfahrt, die
von ihrer militärischen gar nicht zu trennen ist, stimmt dieser Satz -
selbst wenn die Nazis die Autobahn nicht (oder nicht in erster Linie) für
den Krieg gebaut haben. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls Hartmut Bitomsky
in seinem Film REICHSAUTOBAHN. Über die Differenzen und Übereinstimmungen
zwischen den Filmen führten die beiden Autoren ein Gespräch in der
Wiener Zeitschrift „Falter". In diesem Gespräch stellt Farocki die
These auf, die Formen der Euklidischen Geometrie (also die gerade Linie, Dreieck,
Rechteck usw.) stünden in der modernen Industrie nicht mehr im Zentrum.
„Bislang vermochte die Industrie eigentlich nur geometrische Formen zu verarbeiten,
das ist bald vorbei."
Ich versuche, mir eine vollautomatisch
funktionierende Industrie vorzustellen, die Naturformen produziert: Das wäre
ein Faschismus anno 2000, „eine Verklammerung von ultramodernen technischen
Ideen mit biologischen Vorstellungen", wie Bitomsky sagt. Er sagt auch,
die „zivilisatorische Mission" des Faschismus sei die Modernisierung Deutschlands
gewesen, das Ergebnis sei die Bundesrepublik.
Das Gespräch zwischen Farocki und
Bitomsky ist ein Teil des Films WIE MAN SIEHT: seine Fortsetzung, seine Reflexion,
seine Korrektur. Der Film, der Beitrag in „Die Republik" und das Gespräch
formen einen Diskurs, sofern man diesen Begriff
nicht, wie heute üblich, für jedes Gelaber verwendet, sondern darunter,
streng nach dem Duden, eine „methodisch aufgebaute Abhandlung über ein
bestimmtes Thema" versteht. Methodisch nicht im Sinne einer tradierten
wissenschaftlichen Systematik, sondern im Sinne der Bewegungsformen, die in
den Dingen und in den historischen Prozessen stecken. Auch das Denken, das hier
vorgeführt wird, ist ein Abschied von dem Denken in geraden Linien, das
- sei es, daß es den Kapitalismus vorantreiben, sei es, daß es ihn
vernichten wollte - in aller Regel in die Katastrophe mündete.
Trifft es zu, daß die Arbeit aus
der Weltgeschichte verschwindet? In WIE MAN SIEHT gibt es eine Sequenz, die
das, was Arbeit ist, plausibler vor Augen führt und zu Gehör bringt
als alle Ökonomie-Filme der Studentenbewegung zusammengenommen (die von
Farocki mitgerechnet). Man sieht: einen Mann und eine Frau, die sich im Synchronstudio
daran abarbeiten, das Stöhnen und die geflüsterten Sätze eines
Liebesakts, der eilends dem Orgasmus zustrebt, zu synchronisieren. Die Kamera
ist auf die Gesichter der beiden gerichtet, deren Augen wiederum den Film fixieren, den sie zu synchronisieren
haben und den wir natürlich nicht sehen können. Die Szene muß
oft wiederholt werden; aus dem Off sind die Anweisungen des Synchronregisseurs
zu hören.
Wie man sieht, ist es eine harte Arbeit,
aus der Synchronität nicht herauszufallen, wenn gleichzeitig der Eindruck
entstehen soll, daß die Sinne explodieren. Übrigens ist die Situation
der beiden im Studio mit der Situation in den Schützengräben zu vergleichen,
von der einige Sequenzen zuvor die Rede war: Die Synchronsprecher starren, aus
der Untersicht, auf die Leinwand wie die Soldaten in den Schützengräben
auf den Krieg, der sie zerfetzen würde, wenn sie in ihn hineinspringen
würden. Von der Szene im Synchronstudio schneidet Farocki auf einen Panzer:
Er brachte Bewegung in die festgefahrenen Stellungskriege.
Bitomsky sagt zu Farocki: „Dein Film handelt
von der Geschichte der jeweils modernen Techniken, von Waffen und Werkzeugen.
Aber es ist ein Film, der, gemessen an der Technik des heutigen Filmemachens,
sich wie eine Bastelarbeit ausnimmt. Du hast alles selber gemacht, so sieht
es aus: der Film ist am Schreibtisch gemacht, an dem du liest, studierst und
Forschungen machst. Dabei sind dir Bilder untergekommen, und die legst du deinen
Gedanken vor. Es ist anspruchsvoll, was dabei zusammenkommt, doch zugleich auch
behelfsmäßig."
In WIE MAN SIEHT kann man sehen, wie sich
die Rechenmaschine aus der Weberei entwickelt hat. Den heutigen Entwicklungsstand
repräsentieren die Mikrochips. Die Filme, die diesem Entwicklungsstand
entsprechen, heißen MIAMI VICE oder (bei herabgesetzten Ansprüchen)
LINDENSTRASSE. Bitomsky sagt: „Du arbeitest wie ein Kind, das weben will und
die Fäden zählt, die es in der Hand hält." Das ist vollkommen
richtig. Der Unterschied ist nur: Das Kind weiß nicht, daß sich
aus der Weberei die Mikrochips-Industrie entwickelt hat. Farocki ist ein Film-Weber,
der weiß, daß man Filme machen kann wie die LINDENSTRASSE, die behelfsmäßige
Art aber vorzieht, um die Fäden noch einmal einzeln in die Hand zu nehmen,
sie zu zählen und sich dabei zu fragen, wie es gekommen ist, daß
wir heute das Silicon Valley und Filme wie die LINDENSTRASSE haben. Bei der
Lektüre des Gesprächs fiel mir Fritz Langs Film SPIONE ein, über
den ein bemerkenswert hellsichtiger Rezensent 1927 geschrieben hat, er funktioniere
wie eine „ultramoderne Fabrik", die Handlung sei „ein hastig laufendes
Band", die Bilder und Sequenzen seien „mechanisierte Arbeiter", die
so schnell arbeiten müssen, daß sie über den Sinn des Ganzen
gar nicht nachdenken können. Fritz Lang hat, schlafwandlerisch, einen genialen
Film der Neuen Sachlichkeit gemacht, aber dieser Rezensent hat ihn an Genialität
noch übertroffen, weil er den Rhythmus der Neuen Sachlichkeit in diesem
Film aufgespürt und genau benannt hat. Der Unterschied zwischen 1927 und
heute ist der, daß die Produzenten von MIAMI VICE keine Schlafwandler
mehr sind, sondern Verlängerungen ihrer Computer. Behelfsmäßig
zu arbeiten heißt heute auch: als Filmautor zugleich Rezensent dieses
historischen Prozesses und der aktuellen Bedingungen zu sein, die aus ihm hervorgegangen
sind.
In WIE MAN SIEHT sieht man eine Schneefläche
mit einem von Bettgestellteilen eingezäunten Viereck und erfährt,
dies sei ein Massengrab für sowjetische Soldaten, Januar 1943. Die Gedanken,
die sich der Kommentar dazu macht, beziehen sich unter anderem auf: Materialien
wie Holz und Eisen, den Unterschied zwischen verschiedenen Gitterarten, die
claims
der Goldsucher, die Praxis rechtloser Grundstücksbebauung in der Dritten
Welt und den guten Brauch, einem Gast sein eigenes Bett zu überlassen.
Trauerarbeit wurde lange mit moralischer
Aufwallung verwechselt. Dieses Bild und diese Gedanken zeigen, daß Trauerarbeit
etwas anderes ist: Arbeit am Netz der Kodierungen, das Kultur bedeutet; die
Fäden einzeln in die Hand zu nehmen, anstatt sie wie die schnellen Sinnstiftungsmaschinen
blind zu Gewebemustern zu verarbeiten, die dann nur noch Dressurprogramme unserer
Wahrnehmung sind. Ein Bild von 1919 zeigt Aufständische im Berliner Zeitungsviertel,
die sich hinter Papierrollen verschanzen und Zeitungsbündel zu Burgzinnen
aufgeschichtet haben. Farocki: „Üblicherweise kommt der Aufstand in die
Zeitung, hier ist die Zeitung in den Aufstand gekommen."
Um 1970 haben wir darüber diskutiert,
wie sich das eine mit dem anderen verbinden lasse. („1972 wollten wir alles
verbinden", heißt es in Farockis Film ETWAS WIRD SICHTBAR.) Es gab
eine Zeit, in der wir glaubten, daß Filme und Zeitungen ähnlich wie
eine Kalashnikow funktionieren könnten. Die Aufständischen von 1919
hatten - zugegebenermaßen in einer anderen Situation - ein praktischeres
Verständnis davon, wozu Zeitungen nützlich sind. Sie benutzten sie
als passive Bewaffnung, und ein heutiger Staatsanwalt würde sie schon aus
diesem Grund vor Gericht bringen; die Gewehre wären gar nicht nötig.
Farockis Film WIE MAN SIEHT verhält
sich zur Medienindustrie wie die passive Bewaffnung heutiger Demonstranten zu
den Tränengasgranaten der Polizei. Entsprechend reagieren die Staatsanwälte
der Filmbewertungsstelle Wiesbaden: dieser Film sei ein „bebilderter Vortrag",
„unfilmisch", „pseudowissenschaftlich", „ideologisch einseitig".
(Gezeichnet: Dr. Hans Borgelt, Vorsitzender; als Beisitzer: Hans Joachim Ulrich,
Erich Strunk, Helmut Schaefer, Dieter Strunz; für die Richtigkeit: Steffen
Wolf, Verwaltungsdirektor)
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 8/1987
Wie
man sieht
BR
Deutschland - 1986 - 72 min. - teils schwarzweiß - Verleih: offen (16
mm) - Erstaufführung: 19.3.1990 WDR - Produktionsfirma: Hamburger Filmbüro/WDR
- Produktion: Harun Farocki
Regie:
Harun Farocki
Buch:
Harun Farocki
Kamera:
Ingo Kratisch, Robert Tanner
Schnitt:
Rosa Merzedes
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