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Frist: 2009
Meine zwei größten
Kinoerlebnisse habe ich dem Lichtspieltheater in Zittau in Sachsen zu verdanken.
1944. Ich war elf und sah: "...reitet für Deutschland" und: eine
Wochenschau. Daß der Spielfilm von 1941 war, der Regisseur Arthur Maria
Rabenalt und der Hauptdarsteller Willy Birgel, - all das erinnere ich nicht.
Das habe ich nachgeschlagen. Aber daß der Reiter im Welschland die falsche
Richtung nimmt, weil der Erbfeind den Wegweiser verdreht, - das anzusehen, wurde
mir zu Urerfahrung. Mir das Schicksal der verdrehten Richtung zu ersparen, nehme
ich noch heute Landkarten und Stadtpläne mit auf Reisen, selbst wenn es
zur Festivalstadt Lünen geht. Nie und nimmer traue ich dem, was ich vor
Ort lese und gesagt bekomme. Was Willy Birgel in Frankreich passierte, ist jetzt
meine Kondition. "...reitet für Deutschland" ist in mir gespeichert,
wenn auch, wie ich als Filmwissenschaftler einräume, partiell.
Für die Kontinuität
der Filmgeschichte ist mein zittauer Wochenschauerlebnis von größerem
Wert. Wiederum partiell, aber dafür mit einer Intensität, die sich
später nicht wieder einstellen sollte, nahm ich den Kulturbericht wahr.
Ich habe einen Varieté-Künstler vor Augen, der in eine Schale griff,
in der Weingläser und Glühbirnen angerichtet waren. Genüßlich
biß er ins Glas, knackte mit den Zähnen die Glühbirne, kaute
und schluckte. Ja, und als dann Jahrzehnte später die Gourmetwendung 'al
dente' aufkam, wußte ich Bescheid.
Mein Glas-Erlebnis war so stark,
daß ich es, als ich selbst so weit war, in die Tat umsetzte. Das muß
in den siebziger Jahren gewesen sein. Ich hatte die Prozedur zu meiner persönlichen
Kommunikationsstrategie gemacht. Kein Alleine-Rumsitzen mehr in der fremden
Zone, in diesem Fall im Ruhrgebiet. Ich drehte aus der Lampe über dem Tisch
die Glühbirne raus. Taschentuch. Heiß! Und dann sacht reingebissen
und den Unterdruck beachtet. Warm lief mir etwas aus dem Mund. Speichel? Ich
wurde beachtet. Allerdings sahen mich die Clubgänger mit Ekel und Entsetzen
an. War ich ein Vampir? Was runtertropfte war rot. Im Klo fand ich Papier, das
Zeugs abzutrocknen. Es blutete weiter. Mit einem Wort: der erste Versuch, von
meine Kinoerfahrungen der Nazizeit zu profitieren, war gescheitert.
Aber ich gab nicht auf.
1988, in der Filmhauskneipe in
Hamburg-Altona,
beschränkte ich mich auf das Weinglas.
Thomas Mauch sagte: "Guten Tag, ich drehe grade mit Klaus Bueb zusammen,
und machst Du die Nummer bei uns?" Ich kam zu meinem ersten und einzigen
Stuntvertrag. Für "Adrian und die Römer". Jetzt ist das,
was ich in der zittauer Naziwochenschau gesehen hatte, in einem schönen
und wertvollen Spielfilm von 1989 gespeichert, wobei ich als Transmitter gedient
habe.
Die Neurotransmitter, so las ich
zehn weitere Jahre später in den Dialogen, die Bernhard Pörksen mit
Heinz von Foerster geführt hat (Carl-Auer-Systeme), müssen allerdings
fristgerecht aktiviert werden, weil die Hirnzellen, die Erinnerung speichern,
sich im Siebenjahresrhythmus entleeren. Ich empfehle daher, sich stets zu rechter
Zeit an erste Kinoerlebnisse zu erinnern bzw. an die Erinnerung zu erinnern
usw., ein neuer Kinobesuch tuts nicht, man ist anders drauf, das Publikum erst
recht, die Kopie ist hin, das Band die x.te Generation... - Nein, ich brauche
eine Gedächtnisstütze (das ist natürlich dieses Schnitt-Heft)
und einen Termin. Frist: 2009.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im Schnitt vom Januar 2002
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