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Schauspielern, darstellen, was denn nun?

 

"Die wollen doch nur die Persönlichkeit brechen". Wir sind auf der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, d.h. im Film "Die Spielwütigen" von der Editorin Inge Fischer, und "wir" ist die Jury, die grade den Preis für den Dokumentarfilmschnitt vergibt. Ich fands schlimm, wie die Studenten getrimmt werden. So ähnlich müßte es beim Erniedrigungstraining in der Bundeswehr sein. Doch Hana Müllner, Editorin von "Hotte im Paradies", war anderer Ansicht. "Das muß so sein, sonst können sie nicht Medium des Regisseurs werden".

 

Ich mußte das akzeptieren. Ich bin unter Profis. Und von Theorie hab ich nur bläßliche Ahnung. Bloß, nur mal so gesagt, warum hat mir dann vor wenigen Wochen der, sagen wir mal, Mario mails geschickt, in der er sich darüber beklagt, daß Ernst Busch seine Persönlichkeit brechen will und daß er erniedrigt wird und daß er Schluß machen will? Richtig schlimm. Und er studiert nicht Schauspiel, sondern Theaterregie. Und für wen oder was soll er dann, bittschön, Medium sein?

 

Auf den Theaterakademien gibt es total viel zu lernen. Sagen alle. Ich hab mich beschieden, das Schauspielern praktisch zu testen, hier und da. Euripides auf Kampnagel (Hamburg), die Diplominszenierung von Matthias Kaschig. Ich war der Vater von Ödipus, oder war es doch der Kumpel von Roberto Zucco, und mußte meinen Text gelernt haben. Wehe, wenn ich nicht, während ich den einen Satz sagte, mich erinnerte, wie es mit dem zweiten weiterging. Ich, der Dilettant, war mit dem Memorieren genauso beschäftigt wie die Profis, die vor der Vorstellung und zwischen den Auftritten mit glanzlosen Augen herumirrten, um Auswendiggelerntes zu reproduzieren. Disziplin ist unumgänglich. Und man hört die disziplinierte Sprache des Schauspielers. Ich mache mich anheischig zu sagen: das ist nicht echt, das ist er nicht selbst, das ist nicht mal improvisiert. Ich hasse meine Stimme. Sie klingt so wie beim Plädoyer im Strafjustizgebäude.

 

Udo Kier hatte Lars von Trier vorgeschlagen, mich im Film "Europa" an Stelle von Matthieu Carrière einzusetzen. Wegen der Stimme. Da stand ich also neben Jean-Marc Barr vor der Rückproleinwand im alten Dreyer-Studio in Kopenhagen. Fünf Seiten Text am Stück. So stands im Drehbuch. Motive waren mal drinnen, mal draußen. Ich war gespannt, wie Lars das auflösen wollte. "Fein, daß Du da bist", hatte er zur Begrüßung gesagt. "Der Film ist fertig". Und so wars. Vor Monaten waren die Außenaufnahmen in Polen gedreht. Der Feinschnitt war fertig. Er lief auf der Rückproleinwand. "Jetzt brauchen sich nur noch die Schauspieler davor zu stellen. Dann kann kopiert werden". Klasse. Ich stand da und sah hinter mir nichts. Weißliches vielleicht. In der Großaufnahme konnte ich sowieso den Kopf nicht drehen. Also jetzt der Text in einem weg. Vier Minuten. "Schade, sagte Lars, "du hättest 22 Sekunden schneller sein sollen. Du hättest den einen Satz beenden sollen, bevor die Lok aus dem Schuppen fährt". Ich war stolz. Der Text war gekommen! Richtig aufgesagt! Zum Hassen runterdoziert! Also zweiter Take. Ich sollte ein Zeichen von irgendjemandem auffangen, das Tempo betreffend. In der Großaufnahme rumkucken? Ich fühlte mich schon als Teilprofi. Schließlich schlug Jean-Marc Barr, den ich als Ausbilder zu disziplinieren hatte, vor, mir einmal auf den Fuß zu treten: langsamer. Zweimal: schneller. Jean-Marc, der neben mir stand, war während der Aufnahme ab und zu nicht im Bild. Dann konnte er Signale empfangen. - Wir machten es so, die Tritte kamen, und es klappte. Ich hatte unverschämtes Glück gehabt. Meine Aufsage-Stimme, ich hatte ja keine andere, war genau die richtige gewesen. Schlafwagenschaffner-Azubis hatten sich sowas gefallen zu lassen. Im "Europa"-Film hatte Lars von Trier es sich so gedacht, daß die Deutschen deutsch, Eddie Constantine englisch und Ernst-Hugo Järegard (später der "Geister"-Direktor) schwedisch sprechen sollten.

 

Aber Glück war es eben nicht gewesen, weil Udo Kier ja zuvor das Privat-Casting veranstaltet hatte, und er liebte schneidiges Schnarren. - Ich will darauf hinaus, dass Casting dem Schauspieler erspart, wider die Natur eine Rolle übernehmen zu müssen, die nicht die seine ist. Und nebenbei gesagt, auch an den Bühnen kuckt man sich bekanntlich aus, wer für die Rolle geboren sein mag. Auch wenn das nicht Casting heißt. Ich nehme an, die Ausbildungsmethode, einen Schauspielschüler weich wie Wachs in der Hand des Regisseurs zu formen, kommt aus der Zeit der kleinen Bühnen, wo die paar Männeken zu allem und jedem in der Lage zu sein hatten.

 

Was mir in Kopenhagen auffiel, war der Satz, den Lars von Trier immer wieder sagte: "Laß das Schauspielern. Kuck, wie hältst du den Kopf! Was machst Du für eine Pause!" Das mußten sich Jean-Marc Barr, mein Typ von "Im Rausch der Tiefe", und Barbara Sukowa anhören, ausgesprochen unerfreut, was letztere betrifft. Sollten mir die Schauspieler leid tun? Ich war jedenfalls keiner, allenfalls Schauspielerhochstapler, und zu hören kriegte ich nichts. Das Laß-das-Schauspielern wurde später bei Schlingensief zum Standard. "Mit Schauspielern muß ich doppelt solange proben wie mit Nichtschauspielern. Die halbe Probenzeit muß ich ihnen austreiben, was sie gelernt haben". Das sagte er bei seinen Theaterinszenierungen in der Volksbühne Ost, Berlin, und bei seinen Filmen sowieso. Also nix mit Knet-Medium. Vielen Schauspielern machte das Spaß. Doch ich schätze, die Hälfte schmiß das Handtuch. Die andern ließen raus, was sie schon immer rauslassen wollten. Sophie Rois war sie selbst. Bibiana Beglau war sie selbst. Und beide konnten, Schnitt!, in großartige Rollen tauchen, und im nächsten Augenblick, "echt und glaubwürdig", wie Meister Schlingensief zu sagen pflegte.

 

Echt und glaubwürdig war ich nun grade nicht, wenn ich meine Tiraden losließ, gern als General, Kommissar, Gefängnisdirektor und ähnlichem besetzt. Das waren eine Reihe von kurzen Spielfilmen von Absolventen der Filmausbildung in Hamburg (Hark Bohm). Oder der wahrhaftige Glasesser im Film "Adrian und die Römer" von Thomas Mauch und Klaus Bueb, meine erste und einzige Stuntrolle. Oder der Reiseführer in "Schafe in Wales", das Kleine Fernsehspiel, dem im Vorspann der Name des Regisseurs fehlt. Schlingensief war der Zutritt zum Schneideraum verwehrt worden.

 

Zum Kapitel, daß Editorinnen das Filmmaterial, das ihnen der Regisseur besorgt, ungestört und in kreativer Klausur zu einem Rohschnitt montieren, ohne daß ihnen bis dahin jemand und seis eben der Regisseur reingeredet hat, siehe an anderer Stelle dieses Heftes.

 

Worauf ich hinauswill, ist, daß Schlingensief aus dem Menschen gegenüber, gleich ob Schauspieler oder Darsteller, etwas herauskitzelt, was dieser, also ich, selbst nicht gewußt hat. Zum Beispiel daß ich ein Medium bin, und das ohne persönlichkeitsbrechendes Training. "Halt mal ne Rede", sagt er mitten in der Aufführung. Einfach so. Schon hab ich das Mikro in der Hand, und dann muß was kommen. Der Mund geht auf. Raus geht, was grade im Kopf ist. Seit 5 Minuten, Stunden, Tage, Wochen. Ehrlich, das klappt, und es ist glaubwürdig. Mir egal, ob man das Improvisation nennt. Es klappt auch im Gerichtssaal, wenn man gar nicht weiß, was man von den Zeugen halten soll und plötzlich die Stimme des Vorsitzenden im Ohr hat: "Herr Staatsanwalt, ihr Antrag". Also jetzt: "Dietrich, komm nach Wien. Halt heute abend vor der Oper eine Rede wie der Haider". - "Ich kenne seine Stimme nicht". - "Na und". - Auf der Reise hatte ich das Hamburger Kampagnenblatt mit, das sich Abendblatt nennt. Was alles so toll am neuen Österreich sei, stand darin. Und daß der hamburger CDU-Vorsitzende nach Brüssel geflogen sei, um den drohenden Boykott zu verhindern".

 

"Liebe Österreicherinnen und Österreicher", begann ich auf dem Container, "ich bin beauftragt, Ihnen Grüße und Wünsche der hamburger CDU zu übermitteln. Halten Sie durch". Der erste Beifall, der Platz vor der Oper war voll, umso besser daß es der falsche Applaus war. Es funktionierte. Das TV nahm das für bare Münze. Schon saß ich im Sendesaal. Ich hatte keine Ahnung, daß Straßentheateraktionen eine eigene Geschichte haben. Das Living Theatre zum Beispiel. Grade jetzt, im Winter 2004/05 läuft in den Kinos der Film "Resist!" herum, der dies dokumentiert. Empfehlenswert! Aber statt den Film von Dirk Szuszies zu würdigen, der für den Schnittpreis nicht nominiert war, stand ich jetzt im Cinenova am Rednerpult und sollte was sagen. Ich hatte kein Konzept, sowenig ich eins für diesen Bericht habe, der Mund ging auf und ich war neugierig, was dabei herauskam. Ich behauptete, daß dank Film+ und der segensreichen Tätigkeit von Nikolaj  Nikitin und Oliver Baumgarten der Schnitt ein Zentrum gefunden habe, eins mit vier Buchstaben, und die seien K.Ö.L.N. Wer mir das eingegeben hatte, weiß ich nicht, wahrscheinlich hatte was von Oberbürgermeister Schramma ausgestrahlt. Und warum ich das hier schreibe, weiß ich auch nicht. Warum habe ich diesen Platz gekriegt? Wer bin ich, wo bin ich, was mache ich hier? Ach scheiß, das klingt kokett, aber echt, Alter.

 

Dietrich Kuhlbrodt

  

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Schnitt vom Januar 2005     

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