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Mein Bio-Pic
Werde ich oben auf dieser Seite
als Autor genannt? Schriftgröße 1 Punkt oder weniger. Lesen kann
ich es nicht. 12 Punkte wie im Ms. wären prima. Fielmann, um Lesehilfe
angegangen, konnte mir auch nicht helfen. Lupe? Auf den Testtafeln gibt es jedenfalls
die Minischrift nicht. Und das ist gut so. Denn nun weiß ich, dass alle
Texte lay-out-mäßig gebunden zu Schnitt werden, und ich tue alles,
wenn es der Schnittpflege dient. Außerdem könnte ich ja, statt eine
Kolumne zu schreiben, ein Buch vorstellen. Rezensenten dürfen ihren Namen
unter den Text setzen, normal groß. Vielleicht klappt es ja in dieser
Nummer mit dem Hinweis auf „Die WM-Show“, herausgegeben von Dieter Anschlag
bei UVK, 224 Seiten, Euro 14.90. „Wie wir die beste Fußball-WM aller Zeiten
am Bildschirm erlebten“. Anschlag ist Chef des Medienfachdienstes Funk-Korrespondenz.
Er freut sich, wenn ich das Buch den Schnitt-Lesern vorstelle. Er wird sich
weniger freuen, wenn er weiß, was ich weiß, nämlich dass es
total geil war, auf die Straße zu gehen, wenn Deutschland gegen Deutschland
spielte oder wie auch immer. Die Stadt zwei Stunden verkehrsberuhigt, menschenleer,
keine Hektik, kein Stress. Frieden wie in der Spätromantik oder wie bei
der letzten totalen Sonnenfinsternis. Wollt Ihr den totalen Frieden? Dann auf
die nächste WM hoffen.
Bleiben wir beim Thema der minimierten
Autorennamen. Ihn größer zu machen, wäre ein Leichtes, wenn
man ihn zum Filmtitel machte. Dann kriegte er Kapitälchen in Normalgröße,
evtl. gar in rot. Versuchen wirs. KUHLBRODT à la WOLFSBURG, das wäre Spitze. Aber gibt es Geld dafür? Von der
Filmförderung Hamburg mitnichten. Wie kolportiert wird, sind Zielgruppe
die Gala-Leser; sie erleben das beste allzeit am Bildschirm. – Was bliebe, wäre Eichinger. Ich
kenne ihn ja persönlich. Ich saß neben ihm. In Bayreuth. Im Lokal
gegenüber dem Bahnhof. Wir betranken uns und bekakelten Schlingensiefs
Parsifal. Vor uns saß die Harfouch und blickte stumm auf dem ganzen Tisch
herum. Schließlich nahm Eichinger ein Glas und warf es gekonnt auf den
Fliesenboden. Eine besonders spitze Scherbe drang einer ansehnlichen Bayreutherin
ins bloße Bein. Sie stieß einen spitzen Schrei aus. Blut drang aus
der weißen Wade und tropfte über die Abendschuhe auf den Estrich.
Stille trat ein. Eichinger nutzte sie (die Stille) und ermahnte sie (die Bayreutherin),
zur nächsten Premiere das lange Abendkleid anzuziehen. Das sei sowieso
ein Muss, und dann könne so was nicht passieren. – Ich war schwer beeindruckt.
Ich wusste jetzt, was heute ein Herr ist. Denn mit diesem Machtwort war die
Sache erledigt. Als ob nichts geschehen wäre. 10 Sekunden danach kniete
der einheimische Begleiter nieder und zog der Dame den Splitter sacht aus der
Wunde. Der Wirt war herbeigeeilt mit Schaufel und Besen. Auch auf dem Boden
wieder alles clean. Den Eichinger kuckte niemand an. Er hätte auch nicht
zurückgekuckt. Er hatte längst das nächste Glas in der Hand.
Mist, meine Anekdote passt besser
in das Bio-Pic MEIN EICHINGER. Ich wollte aber auf mich hinaus. MEIN KUHLBRODT?
Oder – DER UNTERGANG ist vergeben – DER AUFSTIEG? Das würde zum Verkauf von „Deutsches
Filmwunder – Nazis immer besser“ (Kuhlbrodts Buch ist erschienen im konkret literatur verlag, [Anm.: die Redaktion der fz]) passen, gestiegen auf 550 Exemplare innerhalb von 9 Monaten! Der
Erfolg steigt mir zu Kopf. Wie thematisiere ich das? Wenn mich eine von den
73.456 deutschen Drehbuchwerkstätten fragen würde, ich könnte
das Plot entwickeln. Alzheimer? Nö. Geht nicht. Hat Bille August schon
abgehandelt – bezüglich einer Person, die ihm nah und teuer ist: Martin.
„Ein Lied für Martin“ (2001) ist schon ein bisschen Bio-Pic. Herr Eichinger
hatte zuvor die August-Filme „Das Geisterhaus“ (1993) und „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (1996) produziert. Ich aber
will mein Bio-Pic, und ich brauch mir nur den neuen Film von August anzukucken,
um ganz, ganz sicher zu sein, dass ich in den Wettbewerb der Berlinale komme.
Freund! Welcome Bafana! Ich brauche einen mächtigen Freund, um als kleiner
Vollzugsbeamter vorgezeigt werden zu können. Bernd! Ich hab damals mit
dem Glas doch auch nichts gesagt! Ich halt zu Dir! Corinna ist weg! Ich bin
da! Ich widerrufe hiermit meine kleinkarierten Mäkeleien an „Goodbye
Bafana“,
wie sie leider Mitte April in der taz erscheinen, denn solch ein Film kann
doch grade junge Zuschauer, die von Südafrika und seiner Freiheitsbewegung
nichts gehört haben, bilden und auf den richtigen Weg bringen, und auch
die Älteren schätzen es sehr, wiederzuerkennen, dass sie längst
auf dem richtigen Weg sind. Und das ist gut so, denke ich doch. Sollte man denen
das vermiesen? Sicherlich sind sie ganz erfüllt von diesem Film. Und dem
über mich, lieber Bernd, soll’s doch auch so gehen. Dietrich Kuhlbrodt
wünscht angenehme Rezeption.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im schnitt vom April 2007
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