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Die Frauen sind unser Glück
Das
Autokino im Subventionstheater
Im hamburger Schauspielhaus saß
die Schauspielerin Ilse Ritter in einem Autoscooter und sah sich den Film "Der
Graf und die Dirne" an, gedreht von Simon Frisch und Tobias Sandberger
als Inszenierungszehntel für die "Reigen"-Produktion des Intendanten
Tom Stromberg. Im Februar 2001 versuchten zehn Regisseure die zehn Dialoge des
"Reigen"-Stücks zu inszenieren, das Arthur Schnitzler hundert
Jahre zuvor in einem Privatdruck publiziert und für unspielbar gehalten
hatte. Heute wurde zwar gespielt, doch eher lustlos, ein Casting konkurrierender
Regiearbeiten - mit einer Ausnahme: dem einzigen Dialog, der als Filmbeitrag
kam. Auf magische Weise hatte "Der Graf und die Dirne" poetische Kraft;
das war ein Bild, das nach der Vorstellung stehenblieb; man konnte es mit nach
Hause nehmen (Kamera: Jörn Staeger). Auf der Bühne hing eine Großleinwand.
Sie macht Schluß mit dem Theater. Nur Ilse Ritter, die Hochkulturactrice
mit dem Hang zum Boulevard, sie war vom Zehntel vorher übrig geblieben,
als einzige, im Spielauto, und saß da versunken, fasziniert vom konkurrierenden
Medium: eine prima Rezeptions-Installation und eine Hommage an den Film. Endlich
funktionierte was. Der Reigen war spielbar geworden. Stefan Merki, der Graf
lief auf der Bühne rum und beäugte sich skeptisch auf der Leinwand,
wie er im Autokino sitzt und einen Film sieht, den man nur hört. Ganz schön
tricky, das.
Daher: wenn wer wo "Der Graf
und die Dirne" zeigt (Frischs Filme liefen vorher auf Festivals), dann
bitte mit Graf, Auto und Kinofreundin Ritter, die in Schnitzlers Stück
die Rolle einer Schauspielerin spielt und ihren Sex-Part soeben der Dirne (Marlen
Diekhoff) überläßt.
Das Theater geht Film gucken.
Damit könnte eine wunderbare Freundschaft beginnen, genauer: ein lustvoller
medialer Reigen, der seinen Schwung aus Schnitzlers Kopulationsfolgen bezieht,
die eloquent durch die sozialen Schichten gehen.
Die Frauen sind unser Glück,
wenigstens Motor zum Weiterkommen, damals in Österreich wie heute wieder
in Norddeutschland. Halten wir das fest, denn zwischen 1900 und 2000 waren Frauen
unser Unglück, - wenn man dem Frauenbild jener langen Jahre glauben will.
Während in Schnitzlers Österreich die Frau zu uns gehört, wie
der Deutsche heute auch Frau ist, war im großen Jahrhundertsinterregnum
die Frau gern verdächtig, feindinfiltriert, fremd
und undeutsch. Spielte sie die Rolle der Verdachtsperson gut, konnte sie, wenn
der Film fern in der Tschechoslowakei gedreht war, sogar als Hedy Kiesler im
Nazideutschland zur allgemeinen Warnung auf der Leinwand erscheinen (1935 die
spätere Hedy Lamarr in Machatys "Extase - Symphonie der Liebe").
Daß sie den deutschen Mann nicht gefährlich werden konnte, dafür
hatte die Zensur gesorgt: nackt auf einem Pferd reiten, das gibts nur in der
Originalversion.
Wer sich am Unglück weiden
möchte, das die Frauen für uns Männer sind, kommt bei Sybille
Schmitz auf seine Kosten. In Erich Engels "Hotel Sacher", 1938/39
gedreht in Wien, löst sie das Schnitzlerschen Frauenbild endgültig
ab. Der schönen slawischen Spionin aus dem Osten ist der deutschösterreichische Beamte
hilflos ausgeliefert. Es gibt nur die Wahl: die Frau muß in den Knast
- oder zur Abschreckung auf die Leinwand. Die schöne Hexe an den Pranger!
- Das waren die Mitte-Jahre des vorigen Jahrhunderts, und wir sollten uns ansehen,
wie uns das angeht. - "Hotel Sacher" gilt als verkanntes Meisterwerk
des großen Regisseurs, des bekannten antifaschistischen Brecht-Inszenators.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist
zuerst erschienen im Juli 2001 im: Schnitt
Der Graf und die Dirne. Deutschland 2001. Regie: Simon Frisch / Tobias Sandberger, Produktion:
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg, Abbildungszentrum Hamburg,
Länge der Theater-Version: 12 Minuten, sw.
Symphonie der Liebe (Extase). Tschechoslowakei/Österreich 1933. Regie: Gustav Machaty,
Produktion: Slavia, Länge nach FSK: 81 Minuten, sw.
Hotel Sacher. Deutschland 1938/39. Regie: Erich Engel, Produktion Mondial (Wien) für Ufa (Berlin), Länge: 88 Minuten, sw.
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