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Das 50-Prozent-Spiel
Guck ich mir heute eine Filmkritik
an, die ich vor vierzig Jahren geschrieben habe, dann geschieht folgendes: entweder
versinke ich vor Scham in den Boden, bescheuert wie ich damals war, oder ich
klopfe mir auf die Schulter, Dietrich, Du bist einfach gut!
Nehmen wir die Punktetabelle der
Zeitschrift "Filmkritik". 1964. "Marnie"
von Hitchcock. "Langweilig" fanden den Film der spätere Regisseur
Theodor Kotulla und der spätere ARD-Spielfilm-Koordinator Heinz Ungureit.
Zu zwei Punkten (vier wären möglich gewesen) schwangen sich Helmut
Färber, Frieda Grafe und Enno Patalas auf. Ich aber, ich bin fein raus:
ich hatte den Film noch nicht gesehen.
Unter "Marnie" steht
in der Tabelle "Yeah! Yeah! Yeah!" von Richard Lester. Für ein mageres "unterhaltsam"
(1 Punkt) reichte es Frieda Grafe, Theodor Kotulla, Uwe Nettelbeck und Enno
Patalas. Aber keiner fand den Film so langweilig wie "Marnie". Es
gab sogar zwei "bemerkenswert", und zwar von Ulrich Gregor und von
mir. Diesmal hatte ich den Film nicht nur gesehen, sondern auch über ihn
geschrieben. Also her mit der Trittleiter und das 64er Septemberheft ganz oben
aus dem Regal geholt. Bescheuert oder einfach gut? - Unentschieden, Pech gehabt.
Lassen wir das im Moment und berichten
nüchtern & sachlich, daß der ersten langen Lester-Filmkritik
in der "Filmkritik" eine kurze vorausging, geschrieben von Heinz Ungureit
im August 1964: "Auch die Kleinen wollen nach oben" („The Mouse on
the Moon“). Die Kritik endet auf dem Wort "Klamotte", säuerlich
bis zurechtweisend im Ton. Das ist Heinzens gutes Recht, erst recht, wenn bei
der Mondmaus "jugendliche Demonstranten weiter nichts als tumbe Halbstarke
sind". - Ja, das Wort "Halbstarke" war Anfang der 60er Jahre
gebräuchlich - auch in der Synchronisation von "A Hard Day's Night":
"Halbstarke: die Verbrecher von morgen".
Ein Jahr später jedoch hatte
sich das Lester-Syndrom in Form florider Euphorie in der Redaktionskooperative
der "Filmkritik" manifestiert. Den Film "The Knack ... And How
to Get It" („Der gewisse Kniff“) bepunktete die eine Hälfte noch mit
"unterhaltsam" bis "bemerkenswert", die andere Hälfte
jedoch schon mit "vorzüglich", einer votierte mit vier Punkten:
"überragend". Das war ich Ausrufezeichen. Außerdem hatte
ich (in der Oktobernummer 1965) eine ekstatische Kritik geschrieben, in der
Sätze wie "'Der gewisse Kniff' ist geschichtlich" nur so hageln.
"Eine Sternstunde des Films".
"Man empfindet den unerhörten drive, das herrliche Gelöstsein".
"Lester wirbt für die englische Jugend, für ihre Macken und Mucken,
für das Selbstbewußtsein, über das sie bereits verfügt.
Und seine Sympathie erklärt er, indem er die jungen Leute zeigt - nicht,
indem er argumentiert. Wir haben es hier mit einem wundervollen, nichtliterarischen
Film zu tun." "Lester hat mit seinem Film eine Form gefunden, die
dem Entwicklungsstand 1965 des seit Mitte der Fünfzigerjahre entwickelten
Selbstbewußtseins der englischen Arbeiterklasse und besonders deren Jugend
entspricht. 'Der gewisse Kniff' ist damit als Populärfilm zu qualifizieren,
und daher ist ihm auch ein wichtiges Merkmal der englischen Populärkunst
eigen: dem geringen Alter dieser Kultur entspricht es, daß sie auf Rechtfertigung
und Argumentation verzichtet und sich stattdessen selber mitteilt." "'Der
gewisse Kniff' ist ein Musterfall künstlerischer Kommunikation neuer Sachverhalte,
für die exakte Begriffe sich erst später einstellen werden."
Ja? Klar? Mir wird ja gern vorgeworfen
oder doch halt nur so gesagt, daß ich euphorische Filmkritik betriebe.
Daß dies so ist, beruht jedenfalls nicht auf Lebensplanung. Ich weiß
aber jetzt, daß die Beatles schuld sind oder doch Richard Lester. Vierzig
Jahre Euphorie, und dem "Schnitt" wirds nicht leid!
Ich darf als bekannt voraussetzen,
daß Euphorie sich gern zyklisch verhält und ihr es infolgedessen
ein leichtes ist, ins Depressive zu kippen. Das Depressive hat einen Ort und
der hat einen Namen: Ludwigsburg. Die Stadt hatte damals einen Beinamen: Blühendes
Barock. Mit Filmschulung hatte sie im November 1965, einen Monat nach meiner
Lester-Kritik, absolut nichts zu tun, wohl aber mit der Zentralen Stelle zur
Verfolgung von Naziverbrechen. Dort saß ich, untergebracht im Frauengefängnis,
sah durchs Fenstergitter ein Stück Himmel und rief um Hilfe. "Help!"
sah ich dort immerhin im Kino, als Dezernent hatte ich freien Ausgang. Annonciert
war Lesters Beatles-Film auf gut deutsch: "Hi-Hi-Hilfe". Die schon
mehrfach genannten vierzig Jahre später druckt die Zeitschrift "konkret"
mein Ludwigsburg-Lamento in der Mai-Nummer 2005 unter der Überschrift "Hi,
Hitler!" oder so ähnlich, und - momentmal, die Schübe setzen
wieder ein. Also, der Reihe nach. Oder nicht? Lesters "Help!" war
der linearen Reihung abhold gewesen, und wieso soll ich dem jetzt abschwören?
Denn, so schrieb Uwe Nettelbeck in der Januar-1966-Nummer der "Filmkritik",
"'Help!' ist alles andere als bloß eine glückliche Reihung beziehungsloser
Scherze. Denn obwohl manche Gags zunächst nichts und viele überhaupt
nichts bedeuten, ergeben sie zusammen einen Film, der etwas sagt, sind sie versammelt
zu einer Hymne auf die neuen Schönheiten, auf die Mode, die langen Hemdkragen
und die frisch gewaschenen lange Haare, auf die schicken Sachen, die herumstehen,
auf die Lieder, die die Beatles singen, auf jene Zivilisationsphänomene
also, die zwar noch nicht als kulturwürdig gelten, - auf jene schönen
Dinge, die den Vorzug haben, daß sich mit ihnen nicht die Spießer
ihre Heime und ihr Innenleben schmücken". Vorzüglich also der
Film. Uwe Nettelbeck.
"Langweilig". So aber
Peter M. Ladiges in der Punktetabelle. Die Kooperative ist sich uneins. Es gibt
eine Diskussion. Und die ist im Februarheft '66 nachzulesen.
Theodor Kotulla:
"'Help!' ist im wesentlichen
kein Musikfilm mit den Beatles. Wenn die Beatles ihre Musik spielen, sind die
Nummern verarbeitet als Bestandteile des parodistischen Geschehens. Das macht
den Wert von 'Help!' aus: unter Verwendung von Pop-Musikern als Darsteller macht
Lester sich über Trivial-Film und Trivial-Roman des Tages lustig; und indem
er dies tut, erreicht er ein ästhetisch zu messendes Niveau".
Zur Rezeption 1966 in der BRD
meint andererseits Klaus Hellwig, "daß Lesters Art, die Beatles ihrem
zugedachten Publikum zu präsentieren, die Fans überforderte. Weil
bei uns die jungen Leute mit langem Haar permanent in allen Äußerungen
der Meinungsmacher diffamiert werden. Weil zwar die einschlägigen Konfektionäre
das platte Geschäft anheizen, die Beurteilung der Beatfans durch die Erwachsenen
aber meist jede Toleranz vermissen läßt, gibt es für 'Help!'
so gut wie kein Publikum".
Obwohl damals das Wort "Pop"
im Munde geführt wurde, bezog es sich der Zeit folgend auf die "music"
mit "c" geschrieben. Zu erkennen, daß Lester mit seinen Filmen
Teil der sich emanzipierenden Pop-Kultur war, brauchte es einen Abstand. Hellwig,
den "Help!" langweilte, beschränkte sich darauf, das Marketingmanko
des Films zu rügen, der zumindest seine deutsche Zielgruppe verfehle. "Den
meisten jungen Freunden der Pop-Music müssen die launigen Scherze der Beatles
fremd bleiben. Sie bleiben zuhaus".
Vor dem Wort "Populärkultur",
das auszurufen ich mich bemüßigt hatte, scheuten die Kollegen zurück.
Fast zwei Jahre später rang sich dann Siegfried Schobert zu einer atmosphärischen
Relativierung durch. Er diagnostizierten ein "Popklima" in "The
Knack", indem Lester "etwas zu aktivieren verstand, was neu war -
Indizien für ein Popklima, das ungezwungen und aus der Eigenbewegung der
Bilder heraus sich langsam entfaltend freispielte -, diese vitale Sprache".
2005 sah ich mir einige Filme
wieder an, auch "Wie ich den Krieg gewann", die Satire über eine
Militärklamotte. Keiner von uns konnte sich damals vorstellen, daß
wenige Jahre später Monty Python's Flying Circus die Lufthoheit erringen
sollte. Pop war ein Geschenk des Himmels. In der Prä-Popdiskurszeit der
Lesterfilme, von denen hier die Rede ist, konnten wir jedoch nur registrieren:
da ist doch was? Gefühlter Pop? Und doch wäre weiter nichts zu tun
gewesen, als den Pop aus der Verklinkung mit der Music zu befreien. Think big!
Jetzt endlich weiß ich es, ich hätte damals "The Knack"
nicht unbestimmt "geschichtlich" nennen, schon gar nicht, ihn auf
die soziologische Art in die Populärkultur abschieben sollen. Stattdessen
wäre mit mäßiger diskursiver Anstrengung das Prädikat "popgeschichtlich"
angebracht gewesen -und das in der Gegenwart. Also: Richard Lester macht Popgeschichte.
Filmpop!
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen (vermutlich) im Schnitt vom Oktober 2005
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