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Im
Porno
Ein mystisches Körpererlebnis
mit Bibiana Beglau. Februar 2004. Schauspielhaus Zürich. Wir proben für
das Jelinek/Schlingensief-Stück. Attabambi – Pornoland. Viel Weiß auf der Bühne. Was organisch Auswülstendes.
Ein Hügel? Geometrisch Einschließendes. Wände? Ganz oben ein
Bergkappelchen. – Aufs Bühnenbild wird ein Film projiziert: Bunuels „Würgeengel“
(1957). Meistens auf einen Gazevorhang. Wenns ein bißchen Licht gibt,
guckt man durch den Film aufs Bühnenbild und auf die Schauspieler darin.
Außerdem vervielfältigt sich die Projektion auf den diversen weißen
Flächen, gebrochen, gebogen, gerundet. Und nun kommts. Die Bühne dreht
sich, viele Minuten lang. Mal schnell, mal langsam. Die Projektionsflächen
hinter dem Gazeschleier fangen an zu leben. Der Gazeschleier wird seinerseits
aktiv. Die Projektion wird einwandfrei körperlich. Nein, das ist keine
Projektionsplastik mehr. Als ob das nicht gereicht hätte. Das ist ein völlig
neuer Projektionsorganismus. Ein dreidimensionales Lebewesen. Sowas kann man
noch nicht einmal urheberrechtlich schützen. Das ist keine science fiction.
Das Ding ist real, und ich bin mit Bibiana Beglau mitten drin. „Wie lange sind
wir eigentlich schon hier? Einen Monat, nicht?“, frage ich. Sie: „Nicht so lange.“–„Mir
kommt es so vor, als wären wir schon immer schon hier gewesen„ -„Mir geht’s
beinahe ebenso.“-„Und würden immer weiter hier bleiben müssen. Oder
aber...“–„Was?“-„Wir sterben zusammen. Und würden uns in den Schatten verlieren.
Antwortest Du mir nicht?“ Bibiana: „Wo Du hingehst, will auch ich hingegehen“.
Unser „Würgeengel“-Dialog.
Wir wiederholen die Szene mit Hingabe. Drin im Projektionsorganismus. Wir sollen
den Film auf der Bühne live synchronisieren. Oder aber der Film, stumm,
liefert die Bilder zum Sprechtheater. Alles offen. - Es kommt was dazu. Schlingensiefs
„Menu total“ von 1986 drängt sich in den „Würgeengel“. Er wird
rein- und rausgemischt. Ein VJ ist am Werk. Meika Dresenkamp. Sie zieht den
Ton raus. Was von Wagner braust rein oder was Banales, Bonnie und Clyde, Brigitte
Kausch wird später eine Nummer im Lackstringtanga hinlegen. Aber der Ton
favorisiert Ergriffenes. Boulez. Minimalistisches. Weltraumgeräusche. Aber
jetzt: In der Großaufnahme füllt jetzt mein Kopf aus „Menu total“
das komplette Bühnenbild. Und ich bin mit Bibiana, die immer bei mir ist,
weil sie ja genau da hin gehen will, mit ihr also bin ich, wir ganz klein, in
meinem eigenen Kopf. Und der buchtet sich auf dem sich drehenden Hügel-Weiß
aus, die Glatze spitzt sich auf, das Kinn schrumpft weg und so. Aber wir hatten
echt nichts genommen. Das war kein Psychoding. Das war gegen jeden Anschein
physische Realität. Und doch wars Mystik und Erhabenes, und Angst
macht es auch. Eine Veranstaltung der Church of Fear. Schlingensiefoffiziell.
Aber neinneinnein. Das war mein privates Bayreuth. Mit Bibiana Beglau. Doch
leider...
Leider also sollte noch der leibhaftige
Projektionshorror kommen. Als ob es mit dem Projektionsweihespiel nicht genug
gewesen wäre, mischte Meika bei den letzten Proben noch den „Vase des noches“-Film
rein. Ich hatte ihn 1975 in Knokke gesehen. Tja, da kams wieder. Drei junge
Schweine wurden gekreuzigt. Grad waren es noch richtig liebe nette Kerle gewesen.
Und stak ich auf dieser sich drehenden und drehenden Bühne in den organisch
zuckenden Körpern drin, ganz klein, ich, aber gleich dreimal. Achja. Untertitel
des „Attabambi–Pornoland“-Projektionstheaters ist die „Reise durchs Schwein“.
Schlimmer noch: Erstmals zur Premiere wurde vom VJ-Mischpult noch „Attabambi
-Pornoland. Der Film“ rein- und draufgemischt. Den hatten wir vier Wochen zuvor
gedreht. Einen spielfilmlangen Pornofilm, avantgardistisch montiert. Und ich
war auf der Bühne und gleich ganz klein wieder drin in dem Körper,
ders mit der dicken, lieben, nackten, besudelten und geschändeten Andrea
machte, der vom berliner Kit Cat Club. Ich, ein nacktes dickes Schwein. Ein
Ständer in Großaufnahme. Herrgott, ich war ich drin im Penis, ein
winziges Sperm. -Ich muß um Verzeihung bitten, öffentlich, und um
Erlösung flehen bei IHM, Parzifal natürlich, „aber dermaßen
exhibitionistisch sich zeigen, das hätte auch wieder nicht sein müssen.
Der Mensch hat sein Glied nur locker gebraucht, sozusagen in Anerkennung für
seine überdimensionale Entwicklung. Ich habe nicht gesagt: die überdimensionale
Entwicklung des Gliedes. Hören Sie doch zu. Ich meine die ganze Person“.
Wenigstens das konnte ich mit den Jelinekworten auf der Bühne klarstellen.
Klein und eingeschrumpelt im wabernden überdimensionalen Projektionsorganismus.
Bibiana Beglau aber richtete mich auf. In der Nacht danach schwammen wir im
Swimming Pool der besetzten zürcher Villa. Gereinigt, geläutert und
reumütig kehrte ich zur Lack-Brigitte zurück. Alles war gut. Bis zum
nächsten Mal.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser
Text ist zuerst erschienen im: Schnitt
05/04
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